Denkmalpflege im Bistum Fulda

Kirchliche Denkmalpflege

von Diözesanbaumeister Dr. Burghard Preusler  
Wenn viel Geld für die Restaurierung eines alten Kirchengemäuers ausgegeben wird, stellen sich natürlich jedem von uns Fragen wie: Warum kümmert man sich so intensiv um ein paar qm alter Kalkfarben, um rieselnden Putz, warum ist der Erhalt von ein paar unsichtbaren Steinen unter Putz wichtiger, als sie in ihrer natürlichen Schönheit zu genießen? Die Bewegungen und Strömungen eines Mahlstroms menschlicher Entscheidungen, in Kirche und Welt, werden für Einzelne immer undurchsichtiger. Deshalb informieren wir uns in Presse, Funk und Fernsehen, je mehr wir zu wissen meinen, desto weniger behalten wir den Überblick. So erscheinen auf einer sich stetig verändernden Oberfläche des genannten Stroms auch Objekte vor uns, die einem Diözesankonservator anvertraut sind. Es rücken Kirchen und Kunstwerke in unser Blickfeld, anderen müssen wir beim Untergang zusehen. Wir sprechen in der Kirche von den "zeitlichen Gütern", die von Menschen gemacht sind oder deren besonderen Wert Menschen verabredet haben. Viele sind kunstvoll, andere eher handwerklich, manche inzwischen gelegentlich auch industriell oder gar medial gefertigt. Sie künden alle von den Idealen und Zielen ihrer Propagandisten. Nach unserem Verständnis künden sie jedoch nicht vom irdischen Glück der Menschen, z.B. von dem Glück einen alten Stein zu betrachten, sondern vom Heil Gottes, seinem Geschenk an die Menschen. Und sobald diese Dinge sich in der Geschichte der Kirche bewähren, sollten sie Gegenstand der kirchlichen Denkmalpflege sein. Denn man muß hier auf Erden Gottes Anspruch unter den Menschen einfordern und sein Heil verwirklichen. Wir würden jedoch weder kirchliche noch weltliche Denkmalpflege betreiben können, wenn nicht die so genannten "kleinen Leute" über viele tausend Jahre die mühsame Arbeit auf den Äckern, auf den Wiesen, im Wald und in den Werkstätten oder an Fließbändern erledigt hätten. Sie haben die materiellen Grundlagen für das Entstehen unserer Kunstwerke und Andachtsräume geschaffen. In guten Zeiten konnten sie aus solchen Leistungen nicht nur wirtschaftliche Absicherung sondern auch ein gesundes Selbstbewusstsein beziehen. Die darin angelegte Dynamik der gesellschaftlichen Prozesse ist hier leider nicht darstellbar. Sie ist aber bedeutsam für eine 2000 Jahre alte Kirche Christi. Obwohl es die handfesten örtlichen Zeugnisse unserer Kirchen, ihres Mauerwerks und Mörtels, ihres schweißtreibenden und wirtschaftlich aufwendigen Unterhalts in fachlich dokumentierbarer Überlieferung gibt, sind die schriftlichen Nachrichten Gegenstand mancher Spekulation. Solange die technischen wie die gesellschaftlichen Wege der Überprüfung, Wahrheit kann und muß wachsen, wohl eher präziser werden, ist jede unbedarfte Zerstörung eines intakten Zusammenhangs, jede Vernachlässigung des Unterhalts dieser "zeitlichen Güter" eine Entmündigung kommender Generationen. Hätten wir zum Beispiel dem Schimmelpilz in der Krypta von St. Andreas in Fulda-Neuenberg nicht Einhalt geboten, wären die überregional bedeutsamen Wandmalereien bald nur noch auf Papier, also aus zweiter Hand zu lesen gewesen. Bis vor 10 Jahren mußte bereits in der Wissenschaft die Qualität mittelalterlicher Wandmalerei im Kloster Fulda infrage gestellt werden. Jetzt darf man sie wieder mit der reicher überlieferten Buchmalerei gesichert in Beziehung setzen. Solange es kirchliche Denkmäler gibt, wird sich jede neue Generation ein Bild vom Glauben der eigenen Vorfahren verschaffen - und wenn es nur dazu diente, das jeweils erarbeitete Heil daran realistischer messen zu können, wie mühsam der Broterwerb und das Überleben waren - und welche Schätze unter solchen Bedingungen für überindividuelle Ziele zu erwirtschaften sind. Das sind menschliche Regungen, denen die harte Wirklichkeit der Steine und die nur wenig weichere Wirklichkeit des Mörtels erst Wahrheit und - sicher auch notwendige - Zügelung verleihen. Dabei geht es gar nicht um den materiellen Wert irdischer Schönheit, sondern um überindividuelle Ziele, Visionen und Wahrheiten des Glaubens, die sich die Menschen in Zukunft nutzbar machen können. Diese müssen aufgrund der langen Fristen sozialer Bewegungen vielleicht über Generationen wachsen, ja reifen. Die Denkmalpflege bietet Möglichkeiten, die allein langfristig zu gewinnende Erfahrungen der Menschen aufzubewahren, ihre Qualitäten über lange Zeit immer wieder neu - objektivierend - zu prüfen und weiterzureichen. Ob sie wertvoller werden, entscheiden die Generationen nach uns. Ob wir denen die Chancen zur Überprüfung geben wollen, entscheiden wir heute. Burghard Preusler
 
 
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