Aktuelles Bischofswort - zum 4. Dezember 2016

Vom Sinn des Advents

Von Bischof Heinz Josef Algermissen

Alle Vorsätze des letzten Jahres sind vergessen. Nun wird wieder gehetzt, gekauft, organisiert und vorbereitet. Worauf hin? Das wissen von Jahr zu Jahr immer weniger zu sagen und lassen sich doch vom Sog mitreißen. Advent als Vorbereitung auf das Fest der Menschwerdung Gottes ist in unserer Gesellschaft tatsächlich weithin zu einer Karikatur verkommen. Das Weihnachtsgeschäft, Advents- und Weihnachtsfeiern oft ohne Stil und Geist, der unpersönliche Mechanismus des Geschenkemachens, die ganze Hektik und Äußerlichkeit haben diese Zeit nicht nur verweltlicht, sie zerstören die Substanz in ihr. Christen müssen sich wohl zusammentun, in Familien und Gruppen, und einen alternativen, neuen Stil suchen. Und solche Suche beginnt immer mit einer Rückkehr zu den Quellen.

Das Wort „Advent“ stammt aus der lateinischen Sprache und heißt auf Deutsch „Ankunft“. Gemeint ist zunächst die geschichtliche Ankunft Jesu, des Sohnes Gottes, der als wirklicher Mensch an einem bestimmten Ort, an einem bestimmten Tag und zu einer bestimmten Stunde auf unsere Erde kam.

Advent bedeutet aber auch seine zweite Ankunft in unserer Zeit. Sie ereignet sich für Christen immer dann, wenn im leidenden, geschundenen und geplagten Menschen Jesus vor ihnen steht und ihnen begegnen will. Denn er kommt im Armen in einem umfassenden Sinn und im Mühseligen mitten in unserem Alltag, hat er doch den Ort und die Art und Weise seiner Ankunft genau markiert, als er sagte: „Alles, was ihr dem Geringsten meiner Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Mit diesem zweiten und sehr konkreten Advent haben wir unsere großen Probleme, weil uns da Jesus auf den Leib rückt, viel näher als uns lieb ist. Wenn wir uns im Spiegel von Matthäus 25,41-46 betrachten, kommen wir wohl alle schlecht weg. Wer hört denn heutzutage schon gerne solche Sätze: „Ich war krank, und ihr habt mich nicht besucht; ich war hungrig, und ihr habt mir nichts zu essen gegeben…; ich war fremd und obdachlos, und ihr habt mich nicht aufgenommen“? Da halten wir es doch lieber mit Verdrängung.

Und noch eine dritte Ankunft signalisiert das Wort „Advent“: Der dritte Advent greift über das Heute der verborgenen Ankunft hinaus auf die Zukunft. Christen glauben und hoffen: Jesus wird einmal, dann nicht mehr gleichsam im Armen verborgen, als Befreier aller Mühseligen und Beladenen kommen und sie heimführen in Gottes Licht und Frieden.

Diesen dreifachen Advent stellt auch der Adventskranz dar. Er weist zunächst auf den Kranz hin, der bei den antiken olympischen Spielen dem Sieger aufgesetzt wurde, ebenso auf das Sonnenrad. Der heutige Adventskranz erinnert an die erste Ankunft Christi durch die vier Kerzen, die symbolisch, nicht historisch, die vier Jahrtausende des wachsenden Lichtes vor seiner Geburt darstellen. Dieses Licht leuchtete und leuchtet heute noch, wenn Menschen ihren Glauben an den Advent Gottes als Kerze der Hoffnung weiterreichen. Sie entzünden Jesu Botschaft neu, wie eine frische Kerze, und lassen sie zu jenem Licht heranwachsen, das keinen Abend und keinen Untergang kennt.

Advent, also die dreifache Ankunft Gottes in unserer Welt, ist eine große Verheißung und eine Verpflichtung für die, die dieses Kommen Gottes auch heute noch erwarten, trotz aller Sinnentleerung und Veräußerlichung.


Vorstehender Beitrag erscheint als „Wort des Bischofs“ in der Kirchenzeitung „Bonifatiusbote“

 
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