Aktuelles Bischofswort - zum 24. Juli 2016

Eine Sanduhr klärt auf

Von Bischof Heinz Josef Algermissen

Vor mir auf dem Schreibtisch steht eine Sanduhr. Solcherart Uhren gehören neben den Sonnenuhren zu den ältesten und einfachsten Instrumenten, um die Zeit zu messen. Vormals waren sie in fast jedem Haus. In alten Kirchen sind sie, allerdings in gehöriger Größe, an der Kanzel angebracht, um dem Prediger zu signalisieren, es sei höchste Zeit, zu einem Ende zu kommen.

Diese Methode der Zeitmessung ist gewiss grob, wenn es im Sport schon auf hundertstel Sekunden ankommt und wenn durch atomare Zerfallsprozesse gesteuerte Uhren in ungefähr hunderttausend Jahren eine Abweichung vom Bruchteil einer Sekunde aufweisen.
Und doch bringt mich diese Sanduhr da vor mir in ihrer tiefen Symbolik zum Nachdenken: Zeit, sichtbar gemessen im Fließen des Sandes und angesichts der Erfahrung, dass meine Zeit bemessen ist.

Wenn ich, liebe Leserinnen und Leser, am Meer Urlaub machen kann, ist es für mich immer besonders schön, am Strand oder in den Dünen zu sitzen, und den Sand durch die Finger rinnen zu lassen, immer und immer wieder, den Blick auf die Wellen oder auf die wechselnden Wolkenbilder gerichtet. Dann kommt es mir so vor, als hätte ich Zeit wie Sand am Meer. Und mit der Zeit, die ich da habe, werden die Sinne wach und lebendig. Im Schauen sehe ich vieles, was ich sonst übersehe: Ich höre das Rauschen des Wassers und das Schlagen der Wellen; das Meer und die Algen haben einen salzig herben Geruch. Und meine Haut spürt den Wind, fühlt den Sand, die Steine und Muscheln. Die Zeit, die mir geschenkt wird, nehme ich mir zum Hören und Zuhören, zum Sprechen und zu Gesprächen, zu denen ich sonst nicht komme, weil ich eben im normalen Alltag sehr genau gehende Uhren habe und nicht Sanduhren, die mir Zeit schenken – wie Sand am Meer.

Die Sanduhr lässt mich aber nicht nur vom Urlaub träumen, sie zeigt mir auch unausweichlich, dass meine Zeit bemessen ist. Solch eine Uhr nannte man früher auch Stundenglas, weil und wenn in genau einer Stunde der Sand von oben nach unten geflossen ist. Auf vielen alten Bildern, besonders im 16. und 17. Jahrhundert, hält der Tod solch ein Stundenglas in der Hand. Deutlich wird gezeigt: Jede und jeder von uns hat die ihm zugemessene begrenzte Lebenszeit. Das letzte Sandkorn wird irgendwann „todsicher“ durchgelaufen sein.

Ein Doppeltes zeigt die Sanduhr vor mir: Hinweis darauf, dass mir Zeit geschenkt wird. Und Sinnbild dafür, dass meine Zeit bemessen und begrenzt ist.

Liebe Leserinnen und Leser! Im Glauben an Gott, im Vertrauen auf seine Begleitung kann ich sowohl die viele Zeit als auch die bemessene Zeit zuversichtlich annehmen und leben. Weil ich nämlich mit einem alten Gebet der Juden und der Christen so beten kann: „Herr, ich vertraue dir; du bist mein Gott. In deinen Händen liegt meine Zeit“ (Psalm 31,15ff). Und wenn nun in seinen Händen meine Zeit liegt, ist alles, alles gut.


Vorstehender Beitrag erscheint als „Wort des Bischofs“ in der Kirchenzeitung „Bonifatiusbote“

 
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