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Aktuelles Bischofswort - zum Sonntag, 08. August 2010

Schaffe Schweigen

Die Geschichte des Propheten Elija am Berg Horeb aus dem alttestamentlichen 1. Buch der Könige (1 Kön 19, 9, 11-13) weiß etwas davon, wie schnell man die Stimme Gottes überhören kann. Elija hat sich voller Verbitterung und Resignation von den Menschen zurückgezogen. Vierzig Tage lang ist er in die Wüste hineingelaufen, ganz allein. In seiner Müdigkeit hat er unerwartet Gottes Gegenwart erfahren dürfen. Nun ist er am Gottesberg angekommen und erwartet, dass sich Gott ihm jetzt auch wirklich zeigt, in einem großen und überwältigenden persönlichen Erlebnis. Er muss jedoch seine Projektion und Erwartung korrigieren. Gott zeigt sich ihm zwar, aber ganz anders als er das erwartet.

Die Bibel erzählt: „Da zog der Herr vorüber: Ein starker, heftiger Sturm, der die Berge zerriss und die Felsen zerbrach. Doch der Herr war nicht im Sturm. Nach dem Sturm kam ein Erdbeben. Doch der Herr war nicht im Erdbeben. Nach dem Erdbeben kam ein Feuer. Doch der Herr war nicht im Feuer. Nach dem Feuer kam ein sanfter, leiser Wind. Als Elija das hörte, verhüllte er sein Gesicht.“ (1 Kön 19, 11 ff).

Das ist die Glaubenserfahrung Israels: Gott ist da. Alle Dinge verweisen auf ihn. Aber er drängt sich nicht auf, spricht zu uns nicht in großen, sensationellen Erlebnissen, sondern leise, unaufdringlich und diskret. Es bedarf der Stille, des Schweigens, des aufmerksamen Hörens, um seine Gegenwart wahrzunehmen.

Aber gerade das, liebe Leserinnen und Leser, fehlt uns heute so sehr. Wir sind bereits derart getrieben und hektisch, dass wir die Stille gar nicht mehr aushalten. Sobald wir allein sind, fällt uns die Decke auf den Kopf, überkommt uns innere Unruhe. Schnell zum Computer oder Fernseher, flüchtig in einer Illustrierten blättern oder ins Auto springen, hierhin oder dorthin fahren, als wären wir auf der Flucht. Vor uns selbst? Bilder, tausend Bilder, die uns zuschütten, Zerstreuung, Ruhelosigkeit, jede Minute wird mit irgendetwas oberflächlich angefüllt, zumeist mit sinnlosem, leerem Betrieb.

Stille, Besinnlichkeit und Ruhe: Gibt es das noch in unseren Gottesdiensten und in unseren Gemeinden? Verlieren wir uns auch da nicht viel zu oft in Aktivitäten, Geschwätzigkeit und Hektik? Finden wir überhaupt noch Zeit zur Stille, zur Sammlung, aus der eine sinnvolle Sendung werden kann? Ich bin überzeugt: Das Überleben des Glaubens hängt nicht von unseren Aktivitäten ab, so wichtig und gut sie im Einzelnen auch sind. Es hängt davon ab, ob wir Gott in unseren Gemeinden und in unserem Leben Raum geben. Und ob wir ihn in unserem Leben ein Wort mitreden lassen.

Ich möchte Sie in diesen Ferienwochen ermutigen, sich einen Raum der Stille zu suchen, sich Zeit zu nehmen für ruhiges, gesammeltes Nachdenken über sich selbst, für bewusstes Alleinsein. Etwa am Abend, wo es gilt, noch einmal die Begegnungen des Tages zu überdenken: Wen habe ich heute getroffen? Was bewegt die Menschen, die ich traf? Wie habe ich mich ihnen gegenüber verhalten?
Eine ganz folgenreiche Frage ist: Suche ich überhaupt noch derartige Zonen der Stille? Oder habe ich möglicherweise Angst vor all den unbewältigten Problemen, die dann aus der Tiefe meiner Seele aufsteigen, vor denen ich am liebsten davonlaufen möchte?

Der dänische Philosoph und Theologe Sören Kierkegaard hat den Zustand der Welt des 19. Jahrhunderts beschrieben. Sein Befund ist eindeutig und hält uns einen Spiegel vor, in dem wir die Bedingungen vieler psychischer Erkrankungen unserer Tage erkennen: „Der heutige Zustand der Welt, das ganze Leben ist krank. Wenn ich Arzt wäre und man mich fragte, was rätst du? Ich würde antworten: Schaffe Schweigen! Bringe die Menschen zum Schweigen. Gottes Wort kann so nicht gehört werden. Und wenn es unter der Anwendung lärmender Mittel geräuschvoll hinausgerufen wird, dass es selbst im Lärm gehört werde, so ist es nicht mehr Gottes Wort. Darum schaffe Schweigen!“

Vielleicht, liebe Leserinnen und Leser, versuchen auch Sie einmal wieder, die Erfahrung der Sammlung und des Schweigens zu machen – gleich in der neuen Woche, nicht irgendwann! Dabei mag Ihnen ein modernes Gedicht helfen, das ich Ihnen zur Betrachtung mitgebe:
Die ausgetretenen Wortwege
verlasse ich,
um einzutreten
in den Raum des Schweigens.
Warten will ich,
bis die Stille
das Laute überwächst
und ich ganz Ohr werde
für Deine Gegenwart.
(A. S. Naegeli, in: „Umarme mich, damit ich weitergehen kann“, Freiburg 2010).

 
 
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Am 22. Mai vollendet Pfarrer Heribert Bräscher (Neuhof) sein 75. Lebensjahr. Er wurde 1938 in Fulda geboren und studierte nach dem Abitur an der Freiherr-vom-Stein-Schule Philosophie und Theologie in Fulda und Lyon. Bischof Dr. Adolf Bolte weihte ihn am 21. März 1964 im Fuldaer Dom zum Priester.
 

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