Aktuelles Bischofswort - zum Sonntag, 12. Dezember 2010
Advent als Einladung zum Hören

Das Christentum ist im Gegensatz zu anderen großen Weltreligionen eine Religion des Wortes. Das heißt, das göttliche Geheimnis offenbart sich im Wort: Im Wort, das Gott spricht in die Welt hinein durch die Menschen; im Wort, das selbst Fleisch wird in der Welt unter den Menschen; und im Wort, das im Hl. Geist lebendig und wirksam bleibt.
Wenn sich aber Gott im Wort offenbart, dann ist die Grundvoraussetzung, dass wir still werden und es hören.
„Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten, und wir werden Mahl halten, ich mit ihm und er mit mir“ (Offb 3, 20). Dieses Wort der Apokalypse richtet sich an uns alle, an jede und jeden Einzelnen und an die Kirche. Denn der Herr steht wohl immer zunächst vor einer verschlossenen Tür. Der Riegel ist in der Regel von innen vorgeschoben. Wir sind uns ja unserer Sache so sicher und meinen selbstbewusst, genau zu wissen, was man von Menschen und der Welt zu halten hat. Weshalb also sollten wir noch eine Stimme von außen hereinlassen, wenn wir selber voll von Stimmen sind?
Gerade darauf käme es aber an: Den Riegel beiseite zu schieben und die Tür zu öffnen, zu hören und zu sehen, wer da Einlass begehrt. „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“, so singen wir im Advent. Aber vielleicht ist der König der Herrlichkeit dann ganz anders, als wir ihn uns vorgestellt haben. Und vielleicht stellt er uns allen unliebsame Fragen.
„Ohr der Menschheit, du mit dem kleinen Lauschen beschäftigtes, würdest du hören?“, fragt uns die jüdische Dichterin Nelly Sachs in Anlehnung an eine alttestamentliche Textstelle (Jes 48, 6). In diesen Tagen vor Weihnachten sind Hörübungen notwendig, damit wir Gottes unaufdringliche Stimme nicht überhören.
Liebe Leserinnen und Leser, die Zeit des Advents könnte eine des hingehaltenen Ohres werden. Vielleicht dürfen wir dann an Weihnachten schon erste Erfolge der Therapie wahrnehmen, wenn wir etwa die traurigen Augen einiger Menschen unserer Umgebung bemerken, das Zögern in der Stimme vielleicht, das uns sagen könnte, dass das Wichtigste noch gar nicht ausgesprochen ist.
„Höre, …neige das Ohr deines Herzens“, so beginnt die Regel des Hl. Benedikt. Die Beachtung dieses Rufs hat seit dem 6. Jahrhundert viel Segen in die Kirche gebracht. Hörende Kirche als Bedingung der Möglichkeit, dialogfähig zu werden, das ist es, was wir nach diesem Krisenjahr am allermeisten brauchen. Und hoffentlich geht uns das bekannte Wort aus dem Buch der Weisheit in seiner hintergründigen Wahrheit auf: „Als tiefes Schweigen das All umfing, da sprang dein allmächtiges Wort vom Himmel“ (18, 14f). Das Schweigen ist die Heimat des Wortes.



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