Aktuelles Bischofswort - zum Sonntag 29. Mai 2011
Der Beistand vom Vater
„Ich bin, der ich bin da“ (Ex 3, 14), so lautet die Antwort Gottes auf die Frage des Mose: Wie heißt du? Diese Antwort ist nicht sehr verständlich. Vielleicht ist es deshalb gut, in unserem eigenen Lebensbereich ähnliche Situationen zu überdenken.
Kinder können mitunter ermüdend fragen: Was ist das? Wie heißt das? Wer ist das? Wenn Mutter oder Vater dem Kind dann den Namen sagen, gibt es sich zumeist zufrieden. Ist das nicht merkwürdig? Warum kommt das Fragen an ein Ende, wenn das Kind den Namen gehört hat? Der Name hat ihm den fremden Gegenstand vertraut gemacht und ihm so ermöglicht, das Fremde und Unbekannte in seine Welt einzuordnen. Es kann mit dem Ding plötzlich etwas anfangen. Und wenn es nach einer Person gefragt hatte, kann es sie jetzt ansprechen, vielleicht auch verantwortlich machen.
Auch in der Welt der Erwachsenen kommt dem Namen eine bedeutende Rolle zu: wenn wir einander vorstellen und ansprechen; bei der Behörde, wo wir unter unserem Namen registriert sind oder wenn in einer heiklen Situation „der Name der Familie“ auf dem Spiel steht.
Was hat das nun mit der Antwort Gottes an Mose zu tun? Mose, überwältigt von der Offenbarung Gottes im Feuer des Dornbusches und vom Auftrag Gottes, hatte gebeten: Sag mir deinen Namen, damit ich weiß, wer du bist; damit ich dich ansprechen kann und weiß, wo du bist, wenn ich dich brauche; damit ich dich auch verantwortlich machen kann, wenn das Volk mich einmal fragt: Wer hat dich geschickt?
Aber Mose erfährt gar keinen Namen. Gott antwortet ihm: „Ich bin, der ich bin da.“ Ich bin der, der immer für euch da ist, den ihr anrufen könnt.
Was hat das zu bedeuten? Zunächst ist dies eine Absage. Gott verweigert dem Mose die Auskunft. Denn indem er sagt: „Ich bin, der ich bin da“, sprengt er alle Begriffe und Bezeichnungen, mit denen wir nach Gott auslangen. Er lässt sich nicht in unseren Horizont einpassen, ist unvergleichbar oder – wie das Vaticanum I formuliert hat – „unaussagbar erhaben“ (Denzinger 3001). Unsere Sprache versagt vor ihm. Jeder Begriff und jede Vorstellung, die wir uns machen können, ist mehr falsch als richtig, denn sie sind von den Menschen und den Gegenständen dieser Welt abgeleitet. Darum greifen sie immer schon zu kurz. Sie weisen höchstens in die Richtung, in der Gott zu vermuten ist, aber sie bringen ihn nicht eigentlich zur Sprache. Selbst wenn die Bibel sagt: Gott ist König (Ps 93, 1; 146, 10), Gott ist Richter (Ps 7, 12; Jer 11, 20) und Herr (Ex 15, 18; Ps 24, 1) – so sind dies keine Aussagen, die Gott ganz begreifbar machen könnten. Es sind allesamt Bildworte dafür, wie das Volk Gottes Gott erfahren hat. Das gilt selbst für das Wort „Vater“. Auch dies bringt Gottes Wesen nicht voll und ganz zur Sprache. Und darum wird es in der Bibel selbst bereits korrigiert: der Gott der Bibel hat zugleich väterliche und mütterliche Züge (vgl. Jes 49, 15; 36, 13; Hos 11, 3; Jer 31, 15-20).
Und doch ist diese Geschichte vom brennenden Dornbusch in der Geschichte des Glaubens als die Offenbarung des Gottesnamens in Erinnerung geblieben. „Ich bin, der ich bin da“ heißt gewiss: Ich bin nicht der, den du dir vorstellst, den du fassen und in deine Welt analog einordnen möchtest.
Und doch ist die Gotteszusage „Ich bin da. Ich werde für dich da sein“ die wesentliche Verheißung und im Kern bereits das ganze Evangelium. Denn wenn Gott immer da sein wird als der, der er ist, wie wenig wir ihn auch begreifen mögen, dann ist doch im Grunde alles gut. Dann mögen unsere Namen so unreichend sein, wie sie wollen, sie werden ihn erreichen. Und er wird sie verstehen, so wie sie gemeint sind.
Die Gotteszusage in Ex 3, 14 wird im Heiland Jesus Christus ein für allemal und für immer eingelöst und zum Programm. „Gott hilft – Gott rettet“ steht auch hinter den Trostworten des Abschied nehmenden Herrn, der im Evangelium des 6. Sonntags der Osterzeit verspricht: „Ich werde den Vater bitten, und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll… Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen…“ (Joh 14, 16 + 18).



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