Aktuelles Bischofswort - zum Sonntag 03. Juli 2011
Wie geht es Ihnen?
„Wie geht es Ihnen?“, so werden wir täglich gefragt und fragen unsererseits. Zumeist sind wir an einer ehrlichen Antwort wenig interessiert.
„Und wie geht es Ihnen wirklich?“ hörte ich vor kurzem. „Wollen Sie das wirklich wissen?“ Er wollte. Und er hatte Zeit. So kam es zu einem langen Gespräch. Es hatte sich tatsächlich manches angestaut, was mir auf der Seele lag. Erst kostete es etwas Überwindung, das Fass zu öffnen, aber dann tat es gut, mir all das von der Seele zu reden.
Mitunter helfen Menschen, das Wort Jesu an diesem Sonntag zu verstehen: „Kommt… zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen“ (Mt 11, 28).
„Überlegt doch, wie es euch geht…“ (Hag 1, 5). Mit solch harmlos klingenden Fragen hatte schon der Prophet Haggai vor rund 2500 Jahren seine Zeitgenossen verwirrt. Die damaligen Heimkehrer aus dem Babylonischen Exil waren vollauf damit beschäftigt, das eigene Haus zu bestellen, bevor man glaubte, sich den „Luxus“ der Religion leisten zu können und Hand anzulegen für den Bau des Tempels. Kein Wunder, so der Prophet, dass es den Leuten nicht wirklich gut geht. „Ihr sät viel und erntet wenig; ihr esst und werdet nicht satt; ihr trinkt, aber zum Betrinken reicht es euch nicht; …und wer etwas verdient, verdient es für einen löchrigen Beutel… warum wohl? – Spruch des Herrn der Heere. Weil mein Haus in Trümmern liegt, während jeder von euch für sein eigenes Haus rennt“ (Hag 1, 6f).
Wie sich die Bilder gleichen! Denn im Grunde sind es dieselben Anfragen, damals wie heute: Wie geht es mir? Wofür renne ich? Was ist mir wirklich wichtig im Leben? Davon kann sich keiner von uns dispensieren. Und wenn wir selbst in heiligstem Auftrag und in edelster Absicht unterwegs sind, bis zur Erschöpfung: An dieser grundsätzlichen Frage kommt niemand vorbei.
Natürlich braucht es den Schutzraum des vertrauten Miteinanders, um sich innerlich öffnen und mitteilen zu können. Das Milieu ist wichtig, wo man sich nicht in Szene setzen und anderen etwas vormachen muss, wo man nicht beurteilt oder belächelt wird, wo man vielmehr zuhört, aufmerksam und wohlwollend, durchaus aber auch kritisch, wo mir manches „gespiegelt“ wird, was mir mein Spiegel zuhause nicht sagen kann. Denn darum geht es doch: mir selbst auf die Spur zu kommen, mit all meinen Sorgen und Fragen, allem Hoffen und Sehnen.
Das ist mein Wunsch, dass wir anderen begegnen, die uns fragen, wie es uns wirklich geht. Und dass wir Menschen finden, mit denen wir darüber sprechen können. In unserer Kirche gibt es übrigens Menschen, die genau dafür da sind, uns ein aufmerksam wohlwollendes Gegenüber zu sein. Die kann man auch in Anspruch nehmen. Jederzeit.



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