Aktuelles Bischofswort - zum Sonntag 24. Juli 2011
Gottesdienst für uns
Eine schmerzliche Feststellung: Die Zahl der Gottesdienstteilnehmer nimmt nach wie vor kontinuierlich ab. Ein durch Tod oder Wegzug frei gewordener Platz in der Kirche wird in der Regel nicht wieder besetzt. Es gelingt kaum oder nur mit äußersten Mühen, Kinder etwa nach der Erstkommunion durch kirchliche Aktivitäten in Jugend- oder Messdienergruppen bei der Stange zu halten. Wenn die Jugendlichen das Firmsakra-ment empfangen haben, ist der Auszug fast total. Die Liturgie ist in Not geraten, weil sich immer weniger zu ihrer Feier zusammenfinden.
Diese Not versetzt viele in der Kirche Verantwortliche in argen Stress. Nicht wenige sind der Meinung, die sinkenden Teilnehmerzahlen seien von unzeitgemäßen, auf jeden Fall den heutigen Menschen nicht mehr ansprechenden Gottesdienstformen verursacht. Also müsste die Liturgie mit allen zur Verfügung stehenden Kräften, Mitteln und Medien „gestaltet werden“, auf dass sich der heutige Mensch darin erkenne, nicht nur zur Spra-che, sondern nach Möglichkeit auch aktiv zu Wort komme.
Dass man trotz aller Anstrengungen um einen zeitgemäßen Gottesdienst der Not, in welche die Liturgie geraten ist, nicht begegnen kann, hat mittlerweile die Erfahrung ge-lehrt. Im Gegenteil: Je mehr man versucht, durch „zeitgemäße“ Gottesdienstgestaltung den vermeintlichen Erwartungen des modernen Menschen entgegenzukommen, um ihn auf diese Weise in die Kirche zu locken, desto mehr Plätze werden leer.
Die meisten Menschen lassen sich trotz aller Anstrengungen eben doch nicht zu einem Gottesdienst „verleiten“, der ihre alltäglichen Sorgen und Nöte selbst am Sonntagmor-gen noch einmal aufgreift, ohne wirkliche Auswege aufzuzeigen, geschweige denn Trost und Zuversicht zu vermitteln.
Diejenigen, die auf Grund ihres Glaubens und religiösen Engagements in Erwartung der authentischen Liturgie der Kirche ohnehin kommen, werden mit vielen dieser Gottes-dienste nur noch genervt und gelangweilt, weil sie nichts anderes sind als eine öde, auf die Nerven gehende Wiederholung dieser faktischen Welt an heiliger Stätte. Bar jeder Faszination für das Heilige und sich grundlegend unterscheidende Göttliche macht man vielfach aus dem Gottesdienst einen banalen „Event“. Das allein von Gott kommende erlösende Neue bleibt aus.
Liturgie muss aber faszinieren, damit die Mitfeiernden spüren: Gott ist da. Vom Gottes-dienst der Christen sollte gelten, was Paulus in seinem ersten Brief an die Korinther schreibt: Ein Ungläubiger soll vom Gottesdienst der Christen buchstäblich gepackt sein, „und so wird er sich niederwerfen, Gott anbeten und ausrufen: Wahrhaftig, Gott ist bei euch!“ (1 Kor 14,21)
Wir müssen uns das einmal klar machen: Gott braucht unsere Gottesdienste nicht. Aber wir brauchen den Dienst Gottes für uns und zum Heil der ganzen Welt. Erfassen wir eigentlich, was das heißt, dass Gott uns Menschen dient? Er dient uns, wie eine Mutter ihren kleinen Kindern dient, sie nährt, pflegt und auch manche Nacht an ihrem Bett wacht. In jeder heiligen Messe schenkt uns Gott den eingeborenen Sohn, damit wir durch ihn leben.
Der Vater schenkt uns seinen Sohn in unsere Hostienschale und in den Kelch hinein, damit der Leib und das Blut des Herrn in der Feier der hl. Eucharistie für die ihn Emp-fangenden zur „Arznei der Unsterblichkeit“ und zum „Gegengift gegen den Tod“ werde, wie schon in der Frühzeit des Christentums der Hl. Ignatius von Antiochien die eucha-ristischen Gaben bezeichnet hat.
Im Gottesdienst erfahren wir Gottes heilende Gegenwart, sehen die Mitmenschen, ja die Welt mit ganz anderen Augen, betrachten sie mit dem Blick Gottes, erfahren in der Feier die Freude seiner Gegenwart – und sind so davor gefeit, anderen weh zu tun oder sie gar zu missbrauchen.



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