Aktuelles Bischofswort - zum Sonntag 21. August 2011
Dem festen Grund trauen
Der jüdische Religionsphilosoph Martin Buber erzählt folgende Geschichte: Ein Gelehrter kommt in das Zimmer eines frommen Rabbi, um ihn von der Unvernünftigkeit seines Glaubens zu überzeugen. Der Rabbi beachtet zunächst den Ankömmling kaum, weil er in ein Buch vertieft ist. Auch für ihn, der sich schon lange mit dem Glauben befasst und in ihm lebt, ist der Glaube nicht die selbstverständlichste Sache der Welt. So sagt er als Erstes zu dem Gelehrten: „Vielleicht ist es wahr.“ Von diesem Wort wurde der Gelehrte getroffen, denn er erkannte, dass der Rabbi, den er von der Unvernünftigkeit seines Glaubens überzeugen wollte, auch nicht in einer totalen Sicherheit lebt. Inzwischen aber hat sich der Rabbi ganz dem Gelehrten zugewandt und sagt: „Gott und sein Reich, mein Sohn, kann ich dir nicht auf den Tisch legen. Aber, mein Sohn, bedenke, vielleicht ist es doch wahr.“ Der Gelehrte, der im Gespräch mit dem Rabbi seine ganze Intelligenz aufbot, wurde mit dem „Vielleicht“ nicht fertig. Dieses Wort brach seinen Widerstand.
Martin Buber will sagen: Sowohl der Glaubende wie der Nichtglaubende hat je auf seine Weise teil am Zweifel wie am Glauben. Keiner kann ganz dem Zweifel entrinnen und keiner kommt ganz ohne Glauben aus.
Der Glaube ist letzten Endes nicht zu erringen; er wird uns geschenkt, wenn wir uns vor Gott nicht verschließen, uns ansprechen lassen und öffnen.
Max Frisch beschreibt in seinem Roman „Homo faber“ den Techniker in Reinkultur, den Menschen, der kühl mit den Formeln der Wahrscheinlichkeit rechnet. „Ich brauche keinen Glauben, Mathematik allein genügt mir. Ich halte mich an das Beweisbare.“ Kurz nach solchem Bekenntnis scheitert Faber genau an diesem Ansatz.
Der glaubende Mensch dagegen gibt sich nicht zufrieden mit der faktischen Wirklichkeit, den Dingen, die er greifend erfassen kann. Er weiß im Innersten um eine Wirklichkeit, die jenseits von Mathematik, Physik und Chemie liegt. Er ist davon überzeugt, dass es im Zentrum der menschlichen Existenz einen Punkt gibt, der nicht aus dem Sichtbaren und Greifbaren erklärt und getragen werden kann. Wie z. B. die Liebe zweier Menschen niemals berechenbar und kalkulierbar ist.
Beim Propheten Jesaja gibt es folgendes Wort: „Glaubt ihr nicht, so überlebt ihr nicht“ (7, 9). Man kann auch so übersetzen: „Wenn ihr euch nicht an mich haltet, werdet ihr keinen Halt haben“ (Jerusalemer Bibel).
Glaube hat im Hebräischen die gleiche Wortwurzel wie das Wort „Amen“, das wir am Schluss unserer Gebete sprechen. Glauben heißt soviel wie „Amen“ sagen: Ja sagen zu Gott, der zu uns spricht, zu seiner Liebe, die uns erlöst. Glauben bedeutet, dem festen Grund, der uns in Gott gegeben ist, trauen, sich ihm anvertrauen, sich auf ihn stellen.
Der Hebräerbrief sagt es so: „Glauben ist: Feststehen in dem, was man erhofft; Überzeugtsein von Dingen, die man nicht sieht“ (11, 1). Aus dem Hebräischen wurde das Jesajawort später in die griechische Sprache übersetzt und hat dabei diese Bedeutung angenommen: „Wenn ihr nicht glaubt, versteht ihr auch nicht. Ein Mensch aber, der glaubt, sieht alles in einem anderen Licht“.
Glauben heißt somit auch, über seinen Halt in Gott nachdenken. Dabei kommt man zu einem neuen Verstehen, zu einer neuen Sinngewissheit der Wirklichkeit und seines eigenen Lebens.
„Wir glauben mehr als wir wissen“, „Glauben macht die Welt schöner als sie ist“, das sind die zentralen Sätze in Martin Walsers neuem Roman „Muttersohn“ (Rowohlt, 2011). Es ist das erste Werk des 84-jährigen über den Glauben. In einem Interview zu seinem Buch bekennt er in bemerkenswerter Offenheit: „Die meisten Leute glauben, sie seien vom Wissen abhängig, aber in Wirklichkeit sind sie vom Glauben abhängig“. Diese überraschende Einsicht Walsers schenkt eine neue Lebensdimension.



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