Aktuelles Bischofswort - zum Sonntag 28. August 2011
Gott an uns wirken lassen
Ein großer Theologe aus der Frühzeit der Kirche, der heilige Irenäus von Lyon (+ 202), hat den Grundsatz aufgestellt: Nur das, was der Sohn Gottes in eigener Person auf sich genommen hat, kann geheilt und erlöst werden. Soll der Mensch von der Versuchung durch das Böse geheilt werden, muss Christus selbst vom Teufel versucht werden. Soll der Mensch von der Angst befreit werden, muss der Sohn Gottes selbst Angst erleiden. Dies ist geradezu beliebig fortsetzbar. Alles, was unser Menschendasein ausmacht, muss vom Sohn Gottes angenommen und selbst geteilt werden, alles, außer der Sünde.
Der heilige Gregor von Nazianz (+ 390) sagt es so: „Was vom ewigen Wort Gottes bei seiner Menschwerdung nicht angenommen worden ist, das ist auch nicht geheilt; was aber mit Gott vereint ist, das wird auch gerettet.“ Soll der Mensch vom Tode befreit werden, dann muss der Sohn Gottes auch den Tod auf sich nehmen.
Nun gibt es aber viele Weisen, wie Menschen sterben können: Die Liste der Möglichkeiten reicht von einem höchst ehrenwerten Lebensende nach einem erfüllten Leben, umgeben von geliebten Menschen, bis zum völligen Gegenteil: einem einsamen, unter unsäglichen Schmerzen erlittenen Sterben. Welcher Tod muss also von Gottes Sohn angenommen werden, damit der Mensch vom Tode befreit werden kann? Sein Sterben muss an Bitterkeit nicht mehr zu überbieten sein. Niemals mehr soll ein Mensch sagen können, seine Not erreiche nicht das „Herz“ Gottes. Wer so klagt, der könnte immer wieder auf den Gekreuzigten verwiesen werden, dessen grausames Todesschicksal alles, was Menschen je an Bösem erleiden müssen, überbietet. Nur weil Jesus so starb, ist alles nur erdenkliche Menschenschicksal vom Sohn Gottes gleichsam aufgefangen. Jesus Christus ist ein Arzt ganz besonderer Art, der die zum Tode führende Krankheit des Patienten Mensch übernimmt, sich anstecken lässt und sie in seiner Auferstehung ein für alle Mal heilt. Darum also muss der Sohn Gottes den Tod erleiden, wie es den Aposteln im Evangelium dieses 22. Sonntags im Jahreskreis (Mt 16,21-27) angekündigt wurde. Anders ist der Mensch nun einmal nicht heilbar.
Aber gerade das hat Petrus nicht begriffen. Darum macht er Jesus nach dessen Leidensankündigung schwere Vorwürfe. „Er sagte: Das soll Gott verhüten, Herr! Das darf mit dir nicht geschehen!“ (Mt 16,22)
Hätte Petrus verstanden, wäre seine Reaktion ganz anders gewesen: Wir begleiten dich, bleiben bei dir auch unter dem Kreuz, verlassen dich nicht. Aber so war es nicht. Erst viel später konnte er die verändernde Botschaft Jesu verstehen: „Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, wird es gewinnen“ (Mt 16,24f).
Uns zeigt das Evangelium dieses Sonntags, daß zusammen mit dem Einhalten der Gebote, die zum Leben führen, ebenso wichtig ist, Gott an uns wirken zu lassen, wie er es will, auch und gerade dann, wenn wir aus unserer begrenzten Sicht heraus sein Handeln nicht verstehen können.
Gottes Wege für uns und mit uns sind solche, die zum Leben führen. Wer sich sperrt oder durcheinander bringt, muss damit rechnen, wie Petrus abgekanzelt zu werden: „Weg mit dir, Satan, geh mir aus den Augen! ....
Du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen“ (Mt 16,23).
Die erwartete Haltung des Glaubens ist: Herr, dein Wille geschehe!



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