Aktuelles Bischofswort - zum Sonntag 16. Oktober 2011
Mut zur Demut
Wie steht es mit der Demut in einer Gesellschaft, in der Leistung und Erfolg, Durchsetzungswillen und das Auftrumpfen ganz oben stehen?
Wir müssen uns lösen von der Vorstellung, Demut sei indifferente Unterwürfigkeit. Sie hat nichts mit Feigheit zu tun. Im Gegenteil: Es gehört viel Mut dazu, selber in den Hintergrund zu treten, wo andere sich lautstark nach vorne drängen. Es verlangt Mut, sich in den Dienst eines Höheren zu stellen und zu dienen. „Demut ist nicht Unterwerfung unter die Menschen, sondern unter Gott“ (Antoine de St. Exupéry, die Stadt in der Wüste).
Nach dem Erschrecken über all das, was hinsichtlich der Missbrauchsfälle in unserer Kirche in diesen letzten Monaten offenbar wurde, kommt die Sehnsucht nach einer demütigeren Kirche immer wieder zur Sprache. Aber was bedeutet das?
Maria war ein demütiger Mensch. Ihre demütig-mutige Haltung wurde zum Nährboden für die Menschwerdung Gottes in dieser Welt. Wer ihrem Leben nachgeht, entdeckt sie als Hörende. Ihre Stärke liegt nicht darin, dass sie den Mund aufdringlich voll nahm, sondern ein hörendes Herz hatte. Sie machte nicht viele Worte, sondern nahm Gottes Wort auf. Es ist gut, das im Rosenkranzmonat tiefer zu bedenken.
Am Tympanon des Nordportals der Marienkirche in Würzburg, Anfang des 15. Jahrhunderts entstanden, findet man ein Bildmotiv, das die Verkündigung an Maria in ungewöhnlicher Weise thematisiert. Aus dem Munde Gottes kommt der Hauch des Geistes, der sich in der Form eines gedrehten Schlauches durch das Bild zieht und mit der Geist-Taube am linken Ohr Marias endet. Auf dem Strahl kommt Jesus in Gestalt eines kleinen Kindes mit dem Kopf voran zu Maria hinunter. Das aufgeschlagene Buch in ihrer Hand ist Zeichen für die Offenheit Gott gegenüber: Sie ist „ganz Ohr“, demütig Hörende. So wird Raum geschaffen für Gottes Initiative, die ihr Leben verändert und neu ausrichtet: „Der Hl. Geist wird über dich kommen und die Kraft des Höchsten wird dich überschatten“ (Lk 1, 35). Die Zustimmung Marias zu dem, was Gott mit ihr vorhat, bleibt kein Lippenbekenntnis, sondern ist „Herzenssache“ im tiefsten Sinn des Wortes.
Demütige Menschen machen nicht sich selber zum Maß und Ziel aller Dinge. Sie nehmen andere ernst, lassen sie gelten in ihrer Einmaligkeit und Würde. Häufig kann man bei ihnen eine große innere Freiheit und Gelassenheit entdecken. Sie wissen, dass sie nichts zu verlieren haben und dass sie letztlich nicht tiefer fallen können als in Gottes zuverlässige Hand.
Wenn wir im Bußsakrament die Begegnung mit dem versöhnenden Vater feiern (vgl. Lk 15, 11-32), geht es weniger um die Aufzählung unseres „Sündenregisters“. Es geht um die Grundhaltung, Schuld persönlich einzugestehen und umzukehren.
Eine demütige Kirche ist je auch eine sensibel hörende, die sich mit Verlautbarungen und all den Mahnungen und Warnungen zurückhält, eine barmherzige, die besonders Gescheiterten Gottes Barmherzigkeit vermitteln möchte. Sie beginnt bei mir und bei Dir, wenn das Gebet seine Wirkung entfaltet: „Barmherziger Gott, gib, dass ich anderen in Demut begegne. Lass mich die Würde und Einmaligkeit jedes Menschen achten. Schenk mir den Mut zu innerer Freiheit und Gelassenheit, weil ich wissen darf, dass du mich nicht fallen lässt“.



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