Aktuelles Bischofswort - zum Sonntag, 11. März 2012
Ruf zur Umkehr
„Am Anfang des Christenseins steht nicht ein ethischer Entschluss oder eine große Idee, sondern die Begegnung mit einem Ereignis, mit einer Person, die unserem Leben einen neuen Horizont und damit seine entscheidende Richtung gibt.“ An dieses Wort unseres Papstes in seinem ersten Lehrschreiben „Gott ist die Liebe“ (2006) möchte ich anknüpfen. Jeder von uns ist eingeladen, sich zu fragen: In welche Richtung bewegt sich mein Leben? Zu welchem Ziel bin ich unterwegs?
Wenn wir uns ernsthaft solchen Fragen stellen, sind wir ganz nahe bei dem, was die Hl. Schrift Buße nennt.
In unserem Sprachgebrauch wird das biblische Wort „Buße“ häufig mit dem Gedanken an Strafe verknüpft. Ganz abwegig scheint das auch nicht zu sein, denkt man etwa an den Bußgeldkatalog, mit dem Fehlverhalten geahndet wird, beispielsweise im Straßenverkehr. Im Munde Jesu und im Sprachgebrauch der Kirche ist Buße jedoch nicht gleichbedeutend mit Strafe. Da bedeutet Buße Umkehr. Was gemeint ist, mag ein Bild verdeutlichen: Ein Mensch ist auf dem Weg zu einem bestimmten Ziel. Plötzlich erkennt er, dass er sich verlaufen hat. Ihm wird klar: ich laufe in die verkehrte Richtung. Natürlich geht er auf diesem Weg nicht weiter. Er kehrt vielmehr um, orientiert sich neu und schlägt den Weg ein, der ihn zuverlässig ans Ziel führt. In diesem Sinn ist Buße Kehrtwendung, Umkehr, Neuorientierung.
Um das auszudrücken, nennt die Kirche die Zeit der Vorbereitung auf Ostern „Bußzeit“. Die früher gebräuchlichere Bezeichnung „Fastenzeit“ tritt in den Hintergrund, denn bei allem Fasten, wenn es denn einen geistlichen Sinn haben soll, muss die Hinwendung zu Jesus Christus stehen und mit ihm zum Vater.
Christliche Buße beginnt mit der Frage, die sich jeder und jede ganz persönlich stellen muss: In welche Richtung geht mein Leben? Und zwar mein Leben so, wie es ist, mit seiner großen Spannweite vom täglichen Einerlei über geradezu unerträgliche Tage bis hin zu den von Glück und Freude erfüllten Stunden.
Die religiöse Frage nach dem Horizont und dem Weg meines Lebens reicht weit über die allgemeine Frage nach dem Sinn des Lebens hinaus. Wenn Gott die Liebe ist und seine Liebe im menschgewordenen Gottessohn offenbar wird, wenn ich von Gott aus Liebe nicht nur ins Dasein gerufen wurde, sondern bleibend geliebt werde, heißt die wichtigste Frage meines Lebens: Wie antworte ich auf diese Liebe?
Die unter uns Christen wohl am häufigsten anzutreffende „Erkrankung“ der Liebe zu Gott ist die Lauheit, jene Gleichgültigkeit, die sich wie Mehltau über ein christliches Leben legen kann. Die Liebe erkaltet allmählich, der Christ gewöhnt sich an eine kalkulierte Mittelmäßigkeit und setzt damit der göttlichen Liebe eine Grenze. Denn wenn auch Gott in seiner Liebe unbedingt treu ist, wie Jesus im Gleichnis vom barmherzigen Vater verkündet, zwingt er uns nicht zur Gegenliebe.
Liebe Leserinnen und Leser, wenn wir in diesen Wochen der österlichen Bußzeit dem Ruf zur Umkehr folgen, werden wir in der Liebe erneuert. Wie kann das geschehen? Ich möchte Ihnen einige wenige Hinweise geben.
Umkehr und Erneuerung beginnen mit einer nüchternen Wahrnehmung der Wirklichkeit: der Wirklichkeit Gottes und der unseres Lebens. Wir müssen uns deshalb um das rechte Gottesbild bemühen, das die Zerrbilder von Gott überwindet. Hören und lesen wir, was Jesus vom lebendigen Gott sagt. Und schauen wir auf ihn, der sagen konnte: „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“ (Joh 14, 9)! Im Blick auf Gott wandelt sich auch die Beurteilung der eigenen Lebenswirklichkeit. Oft ist zu hören, uns Christen fehle das Schuldbewusstsein. Das stimmt wohl nur teilweise. Von Versagen, Fehlern und Delikten ist doch allenthalten die Rede, sogar von eigenen Verfehlungen und Unterlassungen. Aber der Umgang mit der Schuld ist eigentümlich verflacht. Was viele nicht verstehen, ist die Tatsache: Meine Schuld hat etwas mit Gott zu tun. Sie ist eine Missachtung seiner Liebe und ein Widerspruch zu seinem Willen und seinen Absichten. Das ist die eigentliche Tiefendimension von Schuld. Ohne sie bleiben unsere Überlegungen zu Umkehr und Buße nurmehr oberflächlich.
Gelebte Buße im Alltag und der Empfang des Bußsakramentes gehören zusammen. Buße bedarf in gewissen regelmäßigen Abständen des Bußsakramentes. Irreführend sind also jene unerleuchteten Stimmen, die behaupten, nach dem letzten Konzil sei die Beichte nicht mehr so ernst zu nehmen, eine Bußandacht reiche auch. Wer immer sich vor dem persönlichen Bekenntnis drückt, findet keinen Frieden. Gefährlich ist auch der Trend, sich mit dem eigenen Versagen an Gott vorbeizumogeln. Wir alle haben die Sprüche parat: „Ich habe es ja nicht so gemeint“, „Was kann ich denn dafür?“, „Die anderen machen es doch auch so“, „Ich habe doch keinem direkt geschadet“. Solche Äußerungen entstehen aus einem perfekten Verdrängungsmechanismus. Nur die ehrliche Einsicht um die persönliche Situation und das Geschenk des Wortes der Vergebung sind die Bedingung der Möglichkeit, eine neue Freiheit, Umkehr und Neuanfang zu finden.
Das Bußsakrament ist ein Geschenk des Herrn an seine Kirche. Und die Kirche bietet es allen an. Besser als sich selbst zu absolvieren ist es, sich von Christus lossprechen zu lassen.
Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass Sie erfahren mögen: Das Bußsakrament ist nicht lästige Pflicht, sondern ein kostbares Geschenk.



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