Aktuelles Bischofswort - zum Sonntag, 15. Januar 2012
Nachfolge
ie alttestamentliche Lesung (1 Sam 3, 36 – 10.19) und das Evangelium (Joh 1, 35-42) des kommenden Sonntags sind eng aufeinander bezogen:
Die Lesung schildert die Berufung des jungen Samuel zum Propheten, im Evangelium berichtet Johannes von der Berufung der ersten Jünger in die Nachfolge Jesu.
Es fällt auf, dass beide Male ein dritter eingeschaltet ist, der Hilfestellung leistet:
Bei der Berufung des Samuel ist es der alte Hohepriester Eli, zu dem die Eltern den Jungen gebracht haben, dass er ihn erziehe. Samuel, der sich im Schlaf beim Namen gerufen glaubt, läuft zu Eli: „Hier bin ich, du hast mich gerufen!“ Dieser Ruf im Schlaf ergeht so lange, bis Eli versteht. Beim dritten Mal erkennt Eli, dass Gott den Jungen ruft. Er schickt ihn fort und lehrt ihn, sich dem Ruf Gottes mit gleicher Bereitschaft zur Verfügung zu stellen.
Seine Aufgabe ist erfüllt. Er hat den Jungen erzogen. Ein anderer, Größerer, fordert ihn jetzt. Und Eli gibt ihn für diesen Größeren frei.
Im Evangelium spürt Johannes der Täufer, dass seine Aufgabe an den jungen Männern, die sich um ihn geschart haben, erfüllt ist. Der Größere ist da, auf den er sie vorbereitet hat. Die Stunde ist da, sie an diesen weiterzugeben.
„Seht, das Lamm Gottes!“, so sagt er zu den beiden, die gerade bei ihm sind, als Jesus vorübergeht. Und sie verstehen ihn: „Die beiden Jünger hörten, was er sagte, und folgten Jesus“ (Joh 1, 37).
Liebe Leserinnen und Leser, sie folgten also, ohne ein Wort des Abschieds mit dem Täufer zu wechseln, ohne sich auch nur einmal noch umzudrehen. In der Tat: Solche Ablösung und Freigabe ist immer auch schmerzlich, sehr schmerzlich.
Hier wird ein wichtiges Grundgesetz der Nachfolge sichtbar: In der Regel wird niemand unmittelbar zum Dienst an Gott und in die Nachfolge Jesu berufen. Jede und jeder verdankt es dem Glauben, der Erfahrung und der Hilfe anderer, wenn sie oder er den Ruf vernimmt und folgen kann.
Gewiss ist die Begegnung zwischen Gott und Mensch, zwischen Jesus und dem Jünger etwas sehr persönliches. Das Ja auf Gottes Ruf, das Ja des Glaubens kann uns keiner abnehmen. Dieses Ja als Antwort zu geben, ist ein ganz persönlicher Akt, niemals delegierbar, nicht einmal auf den liebsten Menschen.
Die Schwelle muss jeder in eigener Verantwortung überschreiten. Aber bis an diese Schwelle werden wir von anderen geleitet. Von solchen, die schon Erfahrung mit Gott haben - wie der alte Eli, die uns als Wegbegleiter gegeben sind - wie der Täufer Johannes. Es sind dies die Eltern, Freunde, Priester, Lehrer, Frauen und Männer, die uns im besten Wortsinn seelsorglich begleiten.
Es gibt nichts Schöneres, als solche Hilfestellung leisten zu dürfen auf dem Weg zu Christus hin. Denn Jesus Christus ist das Ziel unserer Sehnsucht nach Leben in Fülle.
Wir sollten freilich auch genau spüren, wann unsere Aufgabe zu Ende ist, wann wir zurücktreten müssen, um den, für den wir bisher die Autorität waren, an einen anderen weiterzugeben. Längst nicht alle Eltern, Lehrerinnen und Lehrer und auch Priester schaffen das so wie Eli und der Täufer. Wie viel Fixierung und auch Privatisierung ist da oft festzustellen!
Beachtenswert ist, wie vornehm Jesus die Freiheit der Männer achtet, die da auf ihn zukommen:
„Was wollt ihr von mir?“, heißt es in der Einheitsübersetzung. Die Vulgata, dem Urtext sehr viel näher, formuliert: „Quid quaeritis?“, also: „Was sucht ihr?“
Es ist immerhin interessant, dass dies die allererste Frage Jesu im Johannesevangelium ist. Heißt das vielleicht auch, dass nur, wer wirklich ehrlich sucht, Jesus als Heiland und Erlöser findet und in ihm den unendlichen Gott? Nur wer so sucht, dass es auch etwas kostet.
Immerhin überlässt Jesus den beiden Suchenden ganz die Initiative: „Rabbi, wo wohnst du?“ Diese Frage an Jesus heißt: Wir wollen uns zunächst nur informieren.
Die Gespräche mit einem Rabbi, einem jüdischen Lehrer, führt man in dessen Haus.
„Kommt und seht!“ - „Sie gingen mit ihm und sahen, wo er wohnte, und sie blieben den Rest des Tages bei ihm.“
„Es war die zehnte Stunde“, schreibt der Jünger nach so vielen Jahren, wissend, dass es der Wendepunkt seines Lebens war.
Die Stunde, in der er zum ersten Mal die Schwelle Jesu überschritt, und das erste Zusammensein mit ihm waren Schlüsselerlebnisse, die sein Leben veränderten.
Wie sehr diese Begegnung gezündet hat, erkennen wir daran, dass Andreas schon in den nächsten Tagen seinen Bruder Simon zu Jesus führt. Auch hier wieder der gleiche Prozess: Einer führt den anderen und hilft dass er „Weg, Wahrheit und Leben“ (Joh 14, 6) findet.



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