Aktuelles Bischofswort - zum Sonntag, 22. April 2012
Miserere
Im Bilderzyklus „Miserere“ des französischen Malers Georges Rouault gibt es eine Grafik über den Tod, die von großer Aussagekraft ist. Im Vordergrund des Bildes sieht man einen Menschen, der im Sterben liegt. Es wird dunkel um ihn und er ist ganz allein. Auf dem Bild sind zwar noch andere Menschen zu sehen, aber sie bleiben unbeteiligt im Hintergrund. Sie gehen ihrer Arbeit nach, unterhalten sich, haben zu tun.
Zwischen diese Menschen und den Sterbenden hat Rouault eine große dunkle Wand gezeichnet, die anzeigt, dass er im Sterben allein ist. Aber, Gott sei Dank, nicht ganz: Denn auf der dunklen Wand leuchtet das Haupt des gekreuzigten und mit Dornen gekrönten Christus auf – schon umstrahlt vom Licht der Auferstehung und Verklärung.
Was Rouault da für die Situation des Sterbens dargestellt hat, das Vertrauen auf die Nähe des auferstandenen und erhöhten Christus, gilt nach unserem Glauben für das ganze Leben: Der Auferstandene ist uns nahe alle Tage, unter allen Umständen. Die Kirche will uns das in der Zeit nach Ostern besonders eindringlich vor Augen führen. Immer wieder wird seine Anwesenheit betont: Der Auferstandene erscheint der Maria von Magdala am Grab, um sie zu trösten. Er steht plötzlich mitten unter den Aposteln und spricht: „Der Friede sei mit euch!“. Er begleitet die resignierten Wanderer nach Emmaus und gibt sich ihnen beim Brotbrechen zu erkennen. Er offenbart sich seinen Jüngern am See von Tiberias. All diese Erscheinungen und Begegnungen machen deutlich: Der Herr ist wahrhaft auferstanden, ist denen, die an seine Auferstehung glauben, nahe. Er ist bei uns, alle Tage unseres Lebens.
Wie können wir das verstehen, wie erfahren? So erfahren, dass es aufhört, nurmehr eine abstrakte, theoretische Glaubenswahrheit zu sein?
Liebe Leserinnen und Leser, wir haben alle schon einmal in Bussen oder Straßenbahnen gestanden, die so voll waren, dass man sich kaum bewegen konnte. Wir standen da, eingezwängt und an unsere Nachbarn gepresst. Und doch – wie weit waren wir, trotz körperlicher Nähe, von ihnen entfernt! Was hatten wir schon miteinander zu tun? Wir alle wollten möglichst schnell nach Hause, das war alles.
Oder: Wer hat das nicht schon erlebt, dass er sich in der Gesellschaft vieler Menschen, auf Empfängen oder Parties, plötzlich weit weggewünscht hat? Man kann durchaus unter vielen sehr allein sein.
Umgekehrt können Menschen, die weit voneinander entfernt sind, sich doch sehr nahe sein. Ein japanisches Gedicht sagt es so: „Wenn die Sonne aufgeht, will ich mit meinen Gedanken bei dir sein. Denk du an mich, wenn der Mond sich neigt.“ Die eigentliche Begegnung zwischen Menschen geschieht im Geistigen, im seelischen Bereich. Ohne den Geist, ohne Sprache, die aus dem Inneren kommt, ohne das Verstehen des Herzens bliebe alle körperliche Nähe wirkungslos.
Von diesem Ansatz her können wir verstehen, dass Christus sich eigentlich nicht von uns entfernte, als er zum Vater ging; können wir auch verstehen, dass die oft so brutal gespürte Distanz der 2000 Jahre zum damaligen Geschehen keine Rolle spielt. In dem Maße, als der Geist des Auferstandenen uns erfüllt, ist Christus selbst uns nahe, wird jedwede Distanz überbrückt.
Kann man von dieser Nähe des Auferstandenen in unseren Gemeinden etwas spüren? Wie kommt es, dass wir uns oft so leer vorkommen und so allein – trotz unseres Glaubens, unserer Gebete, trotz all der Sakramente, die wir empfangen? Der Grund dafür ist ganz sicher nicht, dass Christus sich von uns entfernt hätte. Der Grund kann nur darin bestehen, dass wir uns ihm nicht wirklich geöffnet haben.
„Ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten, und wir werden Mahl halten, ich mit ihm und er mit mir.“ (Offenbarung des Johannes 3, 20). Wenn wir sein Klopfen vernehmen und öffnen, wird er bei uns ein- und ausgehen: wie bei den Jüngern nach Ostern.



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