Fastenhirtenbrief
„Bittet den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden“
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Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!
Heute möchte ich besonders hinzufügen: Liebe Mitbrüder im priesterlichen Dienst! Denn von Ihnen, Ihrem Dienst und Ihrer Berufung handelt dieser Brief, den Sie jetzt in der Hl. Messe vorlesen.
Was wäre unsere Kirche ohne Sie, die Priester, die Sie sich mit Ihrer Person, Ihrer ganzen Existenz, dafür einsetzen, dass das Wort Gottes verkündet und die Hl. Eucharistie gefeiert wird, dass Menschen sich göttliche Absolution auch in allem Scheitern schenken lassen und aus der Gnade Gottes leben und sterben dürfen. Dafür haben Sie Ihre eigenen Zukunfts-pläne und Lebensentwürfe zurückgestellt und sich in den Dienst der Seelsorge gestellt. Sie sorgen sich um die sakramentale Heiligung der Ihnen anvertrauten Menschen in den Gemeinden und zunehmend auch in den größeren Verbünden.
Ich möchte Ihnen an dieser Stelle und vor allen Gläubigen in unserem Bistum Fulda für solchen menschlich erfüllenden, aber auch anspruchsvollen und herausfordernden Dienst aus tiefstem Herzen danken und die Gemeinden bitten, Ihre Arbeit und selbstlose Hingabe, gerade auch unter dem Eindruck vielfältiger Belastungen und Begrenztheiten, mitzutragen: in Wort, Tat und Gebet.
„Denkt an eure Vorsteher, die euch das Wort Gottes verkündet haben“, so fordert der Verfasser des Hebräerbriefes die Gemeinde auf. „Schaut auf das Ende ihres Lebens und ahmt ihren Glauben nach!“ (Hebr 13, 7). Denn mehr noch als Erfolg oder Misserfolg in der Verkündigung, als alle mehr oder weniger gelungenen pastoralen Aktivitäten und administrativen und baulichen Leistungsbilanzen zählt vor Gott das Glaubens- und Lebenszeugnis des Priesters, seine persönliche Frömmigkeit, Integrität und gewinnende Menschlichkeit. Ich danke insbesondere auch allen hauptberuflichen und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die unsere Priester in ihrer Verantwortung und in den vielfältigen, einen Einzelnen stets überfordernden Aufgaben unterstützen.
Gerade angesichts der belastenden Gottvergessenheit und gesellschaftlichen Skepsis gegenüber kirchlichen Institutionen und geschlossenen Systemen wird der Ruf nach Menschen lauter, die den priesterlichen Beruf als geistliche Berufung verstehen und nicht als Seelsorge-Job im kirchlichen Beamtenverhältnis. Bei der Feier der Priesterweihe legt der Weihekandidat seine Hände – und damit sich selbst – in die Hände des Bischofs, und der hat den Mut, diese zu umschließen und den ihm zum Mitbruder gewordenen Priester ganz anzunehmen. Personale Lebenshingabe auf Gegenseitigkeit – ein unglaubliches Zeichen einer in Gott gegründeten Verbundenheit!
Wer Priester ist oder es wird, macht es sich somit zur Lebensaufgabe, mit Idealismus und Leidenschaft für die Wirklichkeit und Anwesenheit des lebendigen Gottes einzustehen, oft über die eigenen Kräfte hinaus.
Mich berührt sehr, dass sich so viele Mitbrüder ganz selbstverständlich, redlich und unspektakulär in dem archaischen, aber immer noch konkurrenzlos gültigen Bild Jesu als „Guter Hirte“ wieder erkennen, der sein Leben gibt für die ihm anvertrauten Menschen (vgl. Joh 10, 15). Eben nicht wie einer, der sich aus dem Staub macht oder innerlich kündigt, wenn es unbequem oder schwierig wird. Das wäre dann, wie Jesus sagt, der „bezahlte Knecht“, der „die Schafe im Stich lässt und flieht, wenn er den Wolf kommen sieht“ (Joh 10, 12).
Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!
Die Berufung zum Priester ist ebenso ansprechend wie anspruchsvoll, und zwar zu allen Zeiten. Wir können sie nicht machen, aber ich bin überzeugt, dass Gott auch unter uns Menschen anspricht, denen er diese besondere Berufung zu ganzheitlicher Hingabe ins Herz legt. Warum also, so frage ich mich, begegnen auch viele Katholiken denen, die sich von Gott angesprochen fühlen, mit Skepsis, Vorsicht und Ablehnung? Früher haben Eltern darum gebetet, dass einer ihrer Söhne Priester wird. Und Pfarrgemeinden waren stolz, wenn auch aus ihren Reihen ein Priester hervorging. Priestern und Ordensleuten, Lehrern und engagierten Laien war es ein besonderes Anliegen, in jungen Menschen den Glauben und die Begeisterung für das Evangelium zu wecken und sie in ihrer geistlichen Berufung zu fördern und zu begleiten. Sollte das heute etwa nicht mehr so sein?
Wie gesagt: Priester können wir nicht „machen“, sie werden von Gott berufen. Unser aller Pflicht ist es aber, Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass Gottes Ruf gehört und angenommen werden kann. Deshalb wende ich mich in diesem weltweiten Priesterjahr, aber auch sonst bei jeder möglichen Gelegenheit mit der eindringlichen Bitte an Sie alle: Machen Sie sich die Sorge um Priesterberufungen zu Eigen, damit der Dienst des Guten Hirten auch künftig sichtbar wird in unseren Gemeinden! Wo regelmäßig, z. B. in den Fürbitten der Hl. Messe sonntags, um Priester gebetet wird, werden junge Menschen eher Mut bekommen, nach ihrer Berufung zu fragen und ihr zu folgen, weil sie spüren: Priester sind in den Gemeinden wichtig, durch niemanden und nichts ersetzbar.
Wahrscheinlich sehen wir heute schärfer als früher die hohen Anforderungen und Erwartungen an die Priester. Wir hören auch die Klage mancher überforderter Priester, erfahren gar vom Scheitern und Versagen Einzelner, ähnlich wie vom Auseinanderbrechen mancher Ehen.
Aber dürfen wir es deshalb wagen, Gott gar nicht erst um seine Gnade zu bitten? Das erinnert mich an die mahnenden Worte Jesu über den Klein-glauben seiner Jünger (vgl. Mt 6, 30; 8, 26; 14, 31).
Mitunter wird der Priester als anachronistisches Relikt aus vergangenen Zeiten angesehen, aber im großen Ganzen unserer Gesellschaft suchen die Menschen heute nach authentischen und integeren Persönlichkeiten, denen man aufgrund ihrer Glaubensüberzeugung und Lebensführung eine hohe moralische Autorität zuspricht in einer Welt, die ansonsten nur das Schachern um den größtmöglichen Vorteil zu kleinstmöglichen Preisen kennt. Insofern ist der Priester heute, oft ohne sich dessen bewusst zu sein, tatsächlich eine Lichtgestalt und Vertrauensperson, gerade weil er nicht innerweltlichen Interessengruppen zugeordnet werden kann, sondern als Mann des Himmels auf eine transzendente, göttliche Wirklichkeit verweist. Damit leistet der Priester auch einen wesentlichen gesellschaftlichen Dienst, denn ohne Gottesbeziehung verlieren sich Menschen leicht in hektischer Torschlusspanik und gehen mitunter buchstäblich über Leichen.
Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!
Was sich vom Himmel schenken will, muss aus der Erde wachsen. Priesterberufungen fallen – recht verstanden – durchaus vom Himmel, aber sie müssen in unseren Gemeinden gefunden und ermutigt, gefördert und begleitet werden. Daran sollten wir uns erinnern, wenn über Priestermangel und Pastoralverbünde geklagt wird. Ich bitte Sie, sich nicht nur in diesem Priesterjahr darauf zu besinnen, dass Gott uns die Berufungen schenken wird, um die wir ihn bitten. Ich vertraue unsere Priester, darüber hinaus aber auch alle anderen pastoralen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Ihrem Gebet und Ihrer wohlwollenden Unterstützung an, denn sie sind, wie es im Hebräerbrief heißt, „rastlos um Euch in Sorge als solche, die Rechenschaft darüber geben; sie sollen das mit Freude tun können, nicht mit Seufzen, denn das wäre zu Eurem Schaden“ (Hebr 13, 17).
Darin weiß ich mich mit Ihnen verbunden und erbitte Ihnen Gottes Segen.
Es segne Sie auf die Fürsprache der Gottesmutter und des heiligen Bonifatius der gütige Gott: der +Vater und der +Sohn und der +Heilige Geist.
Ihr
Heinz Josef Algermissen
Bischof von Fulda











