Fastenhirtenbrief - Audiodatei


 
Bistum Fulda

Fastenhirtenbrief 2016

„Er hatte Erbarmen mit seinem Volk…“

Fastenhirtenbrief 2016
 

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!

 

„Da erwachte im Herrn die Leidenschaft für sein Land, und er hatte Erbarmen mit seinem Volk“ (Joel 2,18). Mit diesen Worten des Propheten Joel hat vor wenigen Tagen, am Aschermittwoch, die vorösterliche Bußzeit begonnen. Die Menschen im 5. Jahrhundert vor Christus kamen unter dem Schock durch eine gewaltige Heuschreckenplage und eine langwährende Dürre zum Bewusstsein, wie weit sie sich von Gott entfernt hatten – und schlimmer noch, dass Gott sich von ihnen zurückgezogen hatte. Ihre Antwort war schlicht: „Asche aufs Haupt“. Ein äußeres Zeichen für eine innere Kehrtwende, für den Wunsch, neu anzufangen mit Gott, ihn zu suchen und sich von ihm finden zu lassen.

Die Reaktion Gottes ließ nicht lange auf sich warten: „Da erwachte im Herrn die Leidenschaft für sein Land, und er hatte Erbarmen mit seinem Volk“ (Joel 2,18).

 

Ich frage mich, wie Gott heute auf uns Christen schaut, auf unser Land und auf die Menschen, die mit uns leben. Wir können auch fragen, mit welchen Augen wir auf die Menschen unserer Zeit schauen: respektvoll oder abschätzig, erwartungsvoll oder resigniert, mit Liebe oder Gleichgültigkeit. Und ob in uns etwas von der Leidenschaft brennt: für die Menschen, die in den letzten Monaten in so großer Zahl zu uns gekommen sind, in unsere Gemeinden und Kommunen.

Mir stehen da immer noch die Bilder vom Herbst letzten Jahres vor Augen.

·       Winkende Menschen auf den Bahnhöfen unserer Städte, die ankommende Flüchtlinge mit heißen Getränken, Decken und Spielzeug willkommen heißen;

·       freiwillige Helfer in den Erstaufnahmeunterkünften, oft bis zur völligen Erschöpfung im Einsatz;

·       aber auch die Bilder von brennenden Flüchtlingsheimen und fremdenfeindlichen Demonstrationen. Nicht zu reden von der aggressiven Hetze gegen Flüchtlinge, den anonymen Drohbriefen an Politiker und den obszönen Hasskommentaren im Internet.

Erschreckend, was für eine menschenverachtende Geisteshaltung da plötzlich mit Macht zutage trat, die an Szenen und Parolen aus dem Dritten Reich erinnert. Nie hätte ich gedacht, dass wir das in unserem Land, 70 Jahre nach Kriegsende, noch einmal erleben müssen.

 

Bei meinen Besuchen in den Gemeinden an der ehemaligen innerdeutschen Zonengrenze wurde mir lebhaft geschildert, mit welcher Begeisterung seinerzeit die Grenzöffnung erlebt wurde und die ersten Ostdeutschen, die bei uns ankamen, aufgenommen und willkommen geheißen wurden. Aber auch, wie lange es gedauert hat, wie mühsam und beschwerlich der Weg des Zusammenwachsens und der Integration geworden ist – bis heute.

 

Daran möchte ich Sie und auch mich erinnern, wenn die Freude über das „deutsche Herbstmärchen“ sowie das Erstaunen über unsere Hilfsbereitschaft und Großzügigkeit einer allgemeinen Skepsis, ja mancherorts auch Ablehnung und Abweisung gewichen ist.

Angesichts der inneren Zerreißprobe, vor der unsere Zivilgesellschaft steht, frage ich mich, auf welcher Seite wir stehen. Teilen wir die Leidenschaft Gottes für sein Volk? Lassen wir uns das auch etwas kosten? Wie reden wir über „die Flüchtlinge“ oder „das Flüchtlingsproblem“ in unserem Freundes-, Kollegen-, Bekanntenkreis? Sehen wir nur die Gefahren und Bedenken, oder nehmen wir die Herausforderungen aktiv und konstruktiv an?

 

Einige unserer Gemeinden sind spontan dem Aufruf von Papst Franziskus gefolgt und haben mehrere Flüchtlingsfamilien aufgenommen. Sie arbeiten auf kommunaler Ebene mit, um den Fremden bei uns Obdach für Leib und Seele zu geben. Ich möchte an dieser Stelle ausdrücklich allen danken, die sich in den Gemeinden für die Aufnahme, Betreuung und Integration von Flüchtlingen engagieren, viele schon über Monate und Jahre. Ich möchte Ihnen Mut machen und Sie bitten, in Ihren Bemühungen nicht nachzulassen, auch wenn sich der Erfolg nicht sofort einstellt, Enttäuschungen und Rückschläge verunsichern. In unserem Land haben wir schon mehrfach bewiesen, dass Integration gelingen kann, auch wenn der Prozess Jahre und Jahrzehnte dauert. Denken Sie etwa an die erfolgreiche Eingliederung der Heimatvertriebenen nach dem 2. Weltkrieg, der Gastarbeiter und der Russlanddeutschen. Wir „können“ Integration, aber dazu brauchen wir einen langen Atem. Und das ist nicht nur eine politische und zivilgesellschaftliche Aufgabe, sie geht uns als Christinnen und Christen in ganz besonderer Weise an.

 

Die Herausforderung, für andere da zu sein und sich der Ärmsten anzunehmen, hat in vielen Gemeinden unseres Bistums sozusagen zu einem Vitalisierungsschub geführt. Frauen und Männer gingen die ersten Schritte einer inneren Erneuerung, weil sie zu Solidarität und konkreter Nächstenliebe herausgefordert sind und sich diesen Herausforderungen gestellt haben. Auch davon ist zu Beginn der Fastenzeit in unseren liturgischen Texten ausdrücklich die Rede: „Das ist ein Fasten, wie ich es liebe: die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Jochs zu entfernen, die Versklavten freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen, an die Hungrigen dein Brot auszuteilen, die obdachlosen Armen ins Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden… Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte und deine Wunden werden schnell vernarben. Deine Gerechtigkeit geht dir voran, die Herrlichkeit des Herrn folgt dir nach“ (Jes 58,6-8).

 

Der Einsatz für Recht und Gerechtigkeit, die klassischen Werke der Barmherzigkeit, die der Prophet Jesaja hier ins Bewusstsein bringt, helfen nicht nur der Not des Armen und Bedürftigen. Wer liebt, so die Botschaft, wird erfahren, dass er von Gott geliebt, dass Gott ihm nahe ist.

Ich weiß, viele Menschen machen genau diese Erfahrung: dass ihr Glaube tiefer, ihre Beziehung zu Gott persönlicher wird, weil sie sich konkret für den Nächsten einsetzen und Liebe geben. „Wenn du dann rufst“, so lässt Gott durch den Propheten ausrichten, „wird der Herr dir Antwort geben, und wenn du um Hilfe schreist, wird er sagen: Hier bin ich“ (Jes 58,9).

 

Dem konkreten Dienst an den Nächsten und dem Engagement in den Gemeinden, in den Verbänden und kirchlichen Gemeinschaften, besonders der Leistung unserer Caritas, ist es zu verdanken, dass die Kirche in der Außenwahrnehmung in ihrem Einsatz für Gerechtigkeit, Solidarität und Barmherzigkeit wahrgenommen wird, als eine Kirche, die die Sorgen und Angst der Menschen teilt, wie das 2. Vatikanische Konzil in seiner Pastoralkonstitution fordert. Die nicht nur predigt oder herummäkelt, sondern sich für die Menschen, besonders die Ärmsten, einsetzt. Damit erweist sich die Kirche zugleich als ein wesentlicher Integrationsfaktor unserer Zivilgesellschaft. Denn die Gesellschaft lebt von Menschen, die nicht auf der Zuschauertribüne sitzen und das Zeitgeschehen kommentieren, sondern die „mitspielen“, sich einbringen und beherzt anpacken.

 

Ich bitte Sie: Lassen Sie sich nicht von einer negativen Stimmung entmutigen! Lassen Sie sich nicht abbringen von Ihrer wertschätzenden und wohlwollenden Haltung, wenn die Integrationsbemühungen nicht kurzfristig zum Erfolg führen, wenn es Rückschläge und Enttäuschungen gibt. So ernst die Sorge vor Überfremdung zu nehmen ist und so notwendig und berechtigt eine nüchterne und realitätsbezogene Faktenanalyse und Kostenrechnung bei jeder spontanen Hilfe angebracht ist, jeder Fremde, der vor uns steht und an unsere Tür klopft, hat ein menschliches Gesicht und eine Geschichte. Wir sehen Menschen, denen die Lebensgrundlage entzogen ist, die dem Elend zerbombter Städte entkommen sind und den gefährlichen Weg über das Mittelmeer genommen oder über die entbehrungsreiche Balkanroute zu uns gefunden haben. Kein Mensch gibt leichtfertig seine Heimat auf und begibt sich auf eine lange und gefährliche Flucht. Das werden uns alle Heimatvertriebenen in unseren Gemeinden ebenso wie ihre Kinder und Enkel bestätigen können.

 

Liebe Schwestern und Brüder, ich habe die Hoffnung: Wenn Gott in diesen Tagen auf unser Land und auf die Gemeinden des Bistums Fulda schaut, könnte sich wiederholen, was der Prophet Joel einst dem Gottesvolk zugerufen hat: „Da erwachte im Herrn die Leidenschaft für sein Land, und er hatte Erbarmen mit seinem Volk.“

Papst Franziskus hat uns in diesem Jahr der Barmherzigkeit eingeladen und herausgefordert, das Erbarmen Gottes in alle Bereiche der Gesellschaft zu tragen. In seiner Verkündigungsbulle zum „Außerordentlichen Jubiläum der Barmherzigkeit“ hat er (in Nr. 16) explizit auf die Worte des Propheten Jesaja Bezug genommen: „Wenn du der Unterdrückung bei dir ein Ende machst, auf keinen mit dem Finger zeigst und niemand verleumdest, dem Hungrigen dein Brot reichst und den Darbenden satt machst, dann geht im Dunkel dein Licht auf, und deine Finsternis wird hell wie der Mittag“ (Jes 58,9f).

Diese Erfahrung wünsche ich Ihnen allen und auch mir.

 

Dazu segne Sie auf die Fürsprache des heiligen Bonifatius Gott, der unsere Zukunft ist: der + Vater und der + Sohn und der + Heilige Geist.

 

Ihr

 

Heinz Josef Algermissen

 

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Fulda, Aschermittwoch 2016

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