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Der einzelne junge Mensch steht im Mittelpunkt

Bischof Algermissen feierte Pontifikalamt zum Jubiläum der Stiftsschule  
 

Amöneburg (bpf). „Leitbild für die katholische Schule ist das christliche Verständnis vom Menschen, der nach dem Ebenbild Gottes geschaffen ist und in dieser Ebenbildlichkeit seine höchste Würde findet.“ Dies unterstrich Bischof Heinz Josef Algermissen am Freitag in der Pfarrkirche St. Johannes d. Täufer zu Amöneburg. In einem Pontifikalamt aus Anlaß des 125jährigen Jubiläums der Stiftsschule St. Johann ging der Oberhirte auch auf die jüngst bekanntgewordenen Mißbrauchsfälle ein: „Trotz all der hohen Prinzipien und Ziele, die eigentlich immer schon für eine Schule in katholischer Trägerschaft galten, mußten wir im Rahmen der aufgedeckten entsetzlichen Mißbrauchsfälle beschämt feststellen, daß solche auch im ehemaligen Internat der Stiftsschule vorkamen und in der Schule selbst Akte von Gewalt an Schülern durch Pädagogen.“ Lehrer und Schüler rief er dazu auf, einander eine tiefe Abneigung gegen jede Form von Gewalt einzupflanzen. Denn jede Gewalt quäle den Körper und demütige den Geist – sie fange in Familie und Schule an und ende auf dem Schlachtfeld.

Im Mittelpunkt der kirchlich verantworteten Erziehung und Bildung stehe der einzelne junge Mensch. Dies setze daher Ehrfurcht vor dem Geheimnis voraus, das einem in jedem Kind, in jeder Schülerin begegne, so der Bischof weiter. „Erziehen und bilden heißt, den jungen Menschen in seinem mitunter provozierenden Verhalten annehmen und lieb haben; ihm in einem Klima des Vertrauens zu helfen, die Talente zu entfalten, damit er der werden kann, der er nach dem Plan Gottes ist und immer mehr werden soll.“

Bischof Algermissen hatte zu Beginn seiner Predigt betont, das 125. Schuljubiläum der Stiftsschule sei Anlaß, sich einer langen Tradition zu freuen. Dankbarkeit, Innehalten und Vergewisserung seien hier angesagt, was nach dem katholischen Glauben am tiefsten in der Feier der Hl. Eucharistie zum Ausdruck komme. Die sieben katholischen Schulen im Bistum Fulda hätten für ihn einen ganz hohen Stellenwert, versicherte der Oberhirte. Darauf lege er selbst in einer Zeit wert, da die Mittel begrenzt seien und man je neu entscheiden müsse, welche Projekte jetzt und auf Dauer finanziell unterstützt werden könnten. In diesem Kontext müsse gefragt werden, ob Schulen in kirchlicher Trägerschaft in dieser Zeit noch einen Sinn und eine Existenzberechtigung hätten. „Die Zahl der Anmeldungen in katholischen Schulen ist allerdings seit vielen Jahren erfreulich hoch – sie zeugt von der großen Wertschätzung der Eltern und vom Vertrauen, das sie in unsere Schulen setzen“, stellte Algermissen fest.

Die „Magna Charta“ für die katholische Schule habe das Zweite Vatikanische Konzil in der Erklärung über die christliche Erziehung geschrieben: Ihre besondere Aufgabe sehe das Konzil darin, in der Schulgemeinschaft „einen Lebensraum zu schaffen, in dem der Geist der Freiheit und der Liebe des Evangeliums lebendig ist. Sie hilft dem jungen Menschen, seine Persönlichkeit zu entfalten und zugleich der neuen Schöpfung nach zu wachsen, die er durch die Taufe geworden ist.“ Damit sei laut Bischof Algermissen das Ideal ganzheitlicher Bildung und Formung des jungen Menschen in christlichem Geist umschrieben. Zwar müsse die Schule, wenn sie ihrer Aufgabe in der Gesellschaft gerecht werden wolle, Wissen vermitteln und den jungen Menschen einen soliden Bestand an Kenntnissen mit auf den Lebensweg geben, auf denen später ihre Berufsausbildung aufbauen könne. „Aber es geht um mehr: Die katholische Schule sieht den jungen Menschen in einer Ganzheit, mit Leib und Seele, mit Verstand und Willen, mit Herz und Gewissen. Diesen ganzen Menschen will sie auf das Leben vorbereiten, das vor ihm liegt.“ Ihm wolle sie darum auch die sinngebenden christlichen Werte menschlicher Existenz er-schließen und ihm unter Achtung seiner freien Entscheidung helfen, ein Leben aus dem Glauben zu füh-ren und sich in der Welt von heute als Christ zu bewähren.

Der Bischof kam auf Martin Bubers Erzählung vom weisen Rabbi Sussja zu sprechen, der im Angesicht des nahen Todes zu seinen Schülern gesagt habe: „Wenn ich im Jenseits ankomme, wird man mich nicht fragen: Warum bist du nicht Mose und nicht Elia gewesen? Man wird mich fragen: Warum bist du nicht Sussja gewesen?“ Der zu werden, der man in Gottes Augen sei – dies sei Ziel und Maß allen menschlichen Reifens. „Einem jungen Menschen helfen, immer mehr der zu werden, der er ist, ist die schwierige Aufgabe, aber auch der große und schöne Auftrag des Lehrers und Erziehers“.

Wenn jemand einwende, daß alles, was eine katholische Schule an einzelnen Elementen, an pädagogischem Engagement, sozialen Aktionen, musischen Angeboten oder religiösen Veranstaltungen anbiete, sich auch an öffentlichen Schulen finden ließe, sei es um so wichtiger, das Spezifische einer katholischen Schule in der Gemeinsamkeit aller dieser Anstrengungen zu suchen. Das gelte als gemeinsame Linie, als ein Bogen, der sich von der weltanschaulichen Basis über den Unterrichtsalltag bis hin zu den Höhepunkten des Schullebens erstrecke. „Katholische Schule verwirklicht sich am ehesten in einem Kollegium von gleichgesinnten Lehrkräften, die aus christlicher Überzeugung bereit sind, Verantwortung zu übernehmen für das Wohl und Heil der ihnen anvertrauten jungen Menschen“, hob der Oberhirte hervor.

Den Lehrerinnen und Lehrern sowie Schulleiter Hans-Georg Lang sprach Algermissen seinen Dank dafür aus, daß sie dieses Leitbild immer wieder neu in die Wirklichkeit umzusetzen versuchten und dabei auf die Nähe zum Bischof von Fulda bauten. „Nur im gemeinsamen vertrauensvollen Engagement aller Verantwortlichen ist die Zukunftsfähigkeit der Stiftsschule gewährleistet.“ Es sei zu fragen, was die Schule überhaupt leisten könne im Wettstreit mit den vielen anderen Kräften, die auf einen jungen Menschen heute einströmten und einwirkten. „Die Schwierigkeiten, denen wir bei der Umsetzung unseres Bildungsprogramms heute mehr denn je begegnen, dürfen uns nicht dazu verleiten, das Leitbild selbst preiszugeben“, betonte Bischof Algermissen. „Täten wir das, würden wir auf das spezifisch Christliche unserer Schulen verzichten, hätte es freilich keinen Sinn mehr, Energien, Personen wie Finanzen zum Erhalt einer Einrichtung aufzubieten, die nur noch dem Namen nach katholisch wäre.“

28.06.2010

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