Bistum Fulda
Der Geist als Gnadengeschenk
Fulda (bpf). „Was zum Wachstum der Kirche und des Reiches Gottes führt, sei nicht unsere eigene Stoßkraft, sondern unsere innere Leuchtkraft, nicht die Macht, sondern der Geist, den wir als Gnadengeschenk besitzen“, unterstrich Bischof Heinz Josef Algermissen am Pfingstsonntag im Fuldaer Dom. In einem feierlichen Pontifikalamt machte der Oberhirte deutlich, dass es vor jeder Sendung der inneren Sammlung bedürfe, andernfalls die Begeisterung allzu schnell verpuffe. Weil jede Erneuerung der Kirche am Pfingstgeschehen ihr Modell und ihren Maßstab habe, sei es nutzlos, wenn etwa mündige Laien zusammen mit Priestern in die Welt hinausstürmen wollten, „um alles Mögliche und Unmögliche zu machen oder zu ändern“. Das erste Pfingstfest der Christen sei keine Explosion, sondern eine tiefe Erschütterung im Innern gewesen. „Weil die Jünger sich vom Geist Gottes ergreifen ließen, sprangen die Funken nach außen über.“ Zuerst also müsse es in einem selber leuchten, dann könne man für andere Licht sein.
„Nur ganz Überzeugte können andere überzeugen, nur vom Geist wirklich Erfüllte können andere begeistern.“ In diesem Zusammenhang nahm der Bischof auf den hl. Bonifatius Bezug und fragte, ob es nicht an der Zeit sei, den missionarischen Geist dieses großen Heiligen wieder zu entdecken. „Dass wir nicht länger ängstlich und defensiv unsere Grenzen abstecken, uns etwa in die sakrale Nische unserer Tradition zurückziehen, den allgemeinen religiösen Niedergang beklagen, sondern vielmehr selbstbewusst an die Öffentlichkeit gehen, bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach dem Grund unserer Hoffnung und der Begründung unseres Denkens und Tuns fragt.“
Die Kindheit eines Menschen sei keineswegs nur etwa der Vorspann zu seinem Leben als Erwachsener, hatte der Bischof zu Beginn seiner Predigt betont. Man müsse immer mehr erkennen, dass das Leben eines Erwachsenen darin bestehe, die Chancen zu entfalten, die Gott in den Anfang eines Menschenlebens gelegt habe. Die Entwicklungspsychologie lehre, dass die ersten drei bis vier Jahre eines Menschenlebens von entscheidender Bedeutung seien. Von da aus ergäben sich Erfolg wie Belastung im späteren Leben. Dies gelte auch im Leben der Kirche, deren Anfang der Pfingsttag sei. „Deshalb kann sie ihn nie hinter sich lassen und als überholt betrachten. Alles, was sie ist und was sie sein soll, ist hier schon angelegt und vorgezeichnet.“ So lasse sich ermessen, was Lukas sagen wolle, wenn er berichte, noch am Geburtstag der Kirche sei der Funke der frohen Botschaft auf 17 Völker übergesprungen.
„Sichtbar zu werden beginnt damals schon, was eine Weltkirche ist und welche Ziele sie schon vom ersten Pfingsttag an angesteuert hat. Es geht um die Universalität der Kirche, und zwar bereits in ihrer Geburtsstunde“, hob Algermissen hervor. Aber nicht nur das Ziel, auch der Weg werde schon am ersten Tag sichtbar. Der Bischof nahm auf moderne Pfingstbilder bezug, die zeigten, wie die Apostel aus einem Haus in Jerusalem herausstürmen, in alle Himmelsrichtungen laufen und durch vorgehaltene Hände die neue Botschaft in alle Welt rufen. In Wahrheit sei es anders verlaufen, so Algermissen weiter, denn die Apostel liefen nicht hinaus, sondern die Menschenmenge kam zu dem Haus, in dem die Jünger sich versammelt hatten. Nicht die Jünger hätten somit den ersten Schritt zur Ausbreitung des Evangeliums getan, sondern die Menschen, die sich vor dem Haus sammelten. Erst auf diese Frage der Menschen hin sei Petrus mit den Elfen vorgetreten. „Seine Predigt, die erste christliche Predigt überhaupt, war also eine Antwort auf eine Frage. Die Frage war zuerst da!“, stellte der Bischof heraus. Wenn das im Anfang gültig war, gelte es auch jetzt. Nur als Antwort auf eine Frage gehe Gottes Wort „den Menschen durchs Herz“.
Eine Kirche, in deren Mitte sich nichts rege, predige in den Wind, auch wenn sie noch so viele Zeitungsspalten und Rundfunk- wie Fernsehsender zur Verfügung hätte, gab Algermissen sodann zu bedenken. „Eine Kirche dagegen und darin Christen, die durch die Art, wie sie leben, und durch das, was sie umtreibt, ihrer Umgebung ein Rätsel und eine Frage sind, haben leicht predigen.“ Sie bräuchten nur wie Petrus zu erklären, woher das komme, was den anderen auffalle.
Als auffällig sah es der Bischof an, dass es kein einziges Pfingstlied gebe, das wie viele Lieder zu Weihnachten und zu Ostern den Hergang des Pfingsttages besinge. Der Grund sei, dass sich die Christen, die daran gehen wollten, solche Lieder zu dichten, bewusst wurden, dass sie den Hl. Geist nicht besingen konnten, sondern herbeirufen mussten. Hier zeige die Kirche, dass sie in allen Stürmen und Verirrungen ihres langen Weges durch die Geschichte der Menschheit dem Kind treu geblieben sei, das sie einmal war. „Wie alt sie auch werden mag, bis ihr Herr sie aus der Welt der großen Kämpfe und kleinen Balgereien, des aufreibenden Einsatzes und des Mitleidens mit den Menschen in seine Herrlichkeit erlösen wird ─ immer wird durch Gottes Gnade das Kind in ihr lebendig, das erste Pfingstfest zu Jerusalem, die Gnade des Anfangs, die Kraft des Hl. Geistes!“, schloss der Oberhirte.

29.05.2012
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Redaktion: Christof Ohnesorge
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