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Bistum Fulda

Erster St.-Thomas-Morus-Empfang in Wiesbaden

Udo di Fabio plädiert entschieden für das Prinzip „wohlwollende Neutralität“  
Foto: Sascha Braunzoom
Foto: Sascha Braun

Limburg/Wiesbaden/Fulda (pa/bpf). Zum ersten St.-Thomas-Morus-Empfang am 27. Juni hat das Kommissariat der Katholischen Bischöfe im Lande Hessen Persönlichkeiten aus Politik, Kirche und Gesellschaft in die Räume der Wiesbadener Casino-Gesellschaft eingeladen. Über 250 Persönlichkeiten folgten der Einladung zu geistiger Auseinandersetzung und persönlichem Austausch. „Es ist gut und wichtig, eine regelmäßige Begegnung zwischen der katholischen Kirche und Ihnen, den Politikerinnen und Politikern, den Verantwortungsträgern aus den verschiedenen Gruppierungen und Institutionen und mit allen Partnern aus Administration, Wirtschaft und Gesellschaft zu ermöglichen“, so Prälat Dr. Wolfgang Pax, Kommissar der katholischen Bischöfe im Lande Hessen und Gastgeber des Abends. Zukünftig wird der St.-Thomas-Morus-Empfang in zweijährigem Rhythmus stattfinden. Pax begrüßte die Anwesenden auch im Namen der Bischöfe Karl Kardinal Lehmann vom Bistum Mainz, Heinz Josef Algermissen vom Bistum Fulda und Dr. Franz-Peter Tebartz-van Elst aus dem Bistum Limburg. Gekommen waren unter anderen Ministerpräsident Volker Bouffier, Staatsminister und Staatssekretäre des Kabinetts, Landtagspräsident Norbert Kartmann, die Fraktionsvorsitzenden der Landtagsfraktionen, der Präsident des Hessischen Staatsgerichtshofes sowie führende Persönlichkeiten aus den Ministerien, den Landesbehörden , der kommunalen Spitzenverbände, Handwerkskammern, Gewerkschaften und Unternehmerverbänden.


Ein kurzes Porträt des Namensgebers, den heiligen Thomas Morus, gab Karl Kardinal Lehmann, Bischof von Mainz. In seinem Grußwort nannte er den Patron der Politiker und Regierenden einen „großen Heiligen am Beginn der Neuzeit“ und würdigte ihn zugleich als „Heiligen des öffentlichen Lebens“. Während seines politischen Wirkens im 16. Jahrhundert habe er immer gezeigt, dass für ihn sein Gewissen an erster Stelle stand. Nach wie vor sei es für politisch Handelnde wichtig, aus „Grundhaltungen“ heraus zu handeln und sich nicht der reinen Strategie zu verschreiben. Nicht ohne Grund entdecke die Öffentlichkeit die Tugenden wieder neu und sehne sich nach Vorbildern. „Demokratie braucht Tugenden“ machte Lehmann deutlich. Er sprach sich für den positiven Wert von Vorbildern aus, die „nicht als unerreichbare Ideale, sondern mit konkreten Gesichtern“ verbunden sein müssten.


Gespannt auf die Anregungen des Hauptredners Udo di Fabio zeigte sich der Ministerpräsident des Landes Hessen, Volker Bouffier. Ausdrücklich dankte er für das „konstruktive und erfolgreiche Miteinander“ zwischen Land und Kirche und für die Zusammenarbeit in „Partnerschaft und Respekt“. Der säkulare Staat bedürfe einer „geistigen und geistlichen Heimat“, es sei für ihn schwierig, selbst Orientierung zu stiften. Das von Georg Jellinek, einem Staatsrechtler der Weimarer Republik, bekannt gewordene „ethische Minimum“ müsse für die heute anstehenden Themen jeweils neu gefunden werden. In diesem Zusammenhang nannte er die Debatte um die Stammzellen und die Diskussion um das Tanzverbot am Karfreitag. Ausdrücklich erinnerte er an die Eidesformulierung „so wahr mir Gott helfe“, zu dem sich die Mitglieder seiner Regierung bei ihrer Vereidigung bekannt hätten. Darin zeige sich die Erkenntnis, dass „menschliches Wirken selbst nach besten Kräften allein nicht ausreichend sein kann, sondern Gottes Segen menschliches Wirken begleiten müsse“. Auch im Sinne dieser Erkenntnis sei die „Prägekraft der Kirchen unverzichtbar“, so Bouffier.


Unter dem Titel „Wohlwollende Neutralität. Das Verhältnis von Staat und Kirche unter den Bedingungen religiöser Pluralität“ sprach Verfassungsrichter a. D. Prof. Dr. Dr. Udo di Fabio. Weder Wohlwollen noch Neutralität erklärten sich von selbst, so di Fabio. Das Grundgesetz stelle Religion und Weltanschauung in einem Satz unter seinen Schutz. Immer häufiger komme es in unserer Gesellschaft vor, dass religiöse und weltanschauliche Fragen einer öffentlichen Klärung bedürften und das Prinzip der wohlwollenden Neutralität, wie es das Grundgesetz verfüge, sich an konkreten Fragestellungen bewähren müsse. „Was passiert, wenn Religion und Weltanschauung aufeinandertreffen?“, so di Fabio. Die Gesellschaft werde derzeit bestimmt durch die Säkularisierung einerseits und eine zunehmende Zweckrationalisierung andererseits. Immer häufiger werde die Frage gestellt, ob nicht die Laizität das bessere Prinzip sei, da sie religiöse Einflüsse generell aus dem staatlichen Gemeinwesen ausblende. Entschieden befürwortete di Fabio das in Deutschland bewährte Prinzip der wohlwollenden Neutralität. Gerade die Eurokrise zeige, was der Verzicht auf ein moralisches Fundament, die Ausblendung wertegebundenen Handelns für ein Gemeinwesen bedeuten können: „Moral hazard“ führe dazu, dass die Kosten der Freiheit nicht in Verantwortung getragen werden, sondern „sozialisiert“, also auf die Gemeinschaft umgeleitet würden. Die Kirchen seien gefordert, den religiösen Zugang zur Wahrheit in der Gesellschaft lebendig zu halten. Die Suche nach Wahrheit beschränke sich nicht auf die wissenschaftliche Methode. „Wahre Bildung“, so di Fabio, „erkennt und akzeptiert die Quellen aus dem Glauben“ und hat „Respekt vor jeder aufrechten Glaubensbekundung“. (pa)

29.06.2012


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