Aktuelles Bischofswort - zum 19. März 2017

Ort der Selbsterkenntnis und Verwandlung

Von Bischof Heinz Josef Algermissen

In den Mythen und Märchen der Völker sind uns viele Geschichten von Wunderbrunnen und heiligen Quellen überliefert. Aus ihnen zu trinken oder gar in ihnen zu baden, verheißt Gesundheit und Kraft, verspricht Leben.
Nirgendwo wird mir dieser Zusammenhang so deutlich wie an jenen römischen Brunnen, deren Schalen aus alten Sarkophagen bestehen, in die hinein sich ein Strahl lebendigen Wassers ergießt.

An diesem dritten Fastensonntag werden wir im 4. Kapitel des Johan-nes-Evangeliums zu einer besonderen Quelle geführt. Mittelpunkt des Evangeliums ist das Gespräch zwischen Jesus und der Frau aus Sama-ria. Es ist sicher nicht zufällig, dass dieses Gespräch an einem Brunnen stattfindet. Wir treffen die beiden am Brunnen des Vaters Jakob, aus dem schon seine Herden getrunken haben. So wird in ihm ein Stück Tradition lebendig, denn jedes Schöpfen aus diesem Brunnen ist Ein-tauchen in die Tradition des Volkes Israel, in seinen Ursprung und in seine Herkunft.

Dass es sich dabei um eine Verwandlungsgeschichte handelt, wird aus einer scheinbar beiläufigen Bemerkung des Evangelisten deutlich: „Es war um die sechste Stunde“ (Joh 4,6). Was auf den ersten Blick als ein-fache Zeitangabe gelesen werden kann, enthüllt sich bei näherem Hin-sehen als Hinweis auf das, was im Inneren der Frau geschieht: eine entscheidende Wende. Zunächst ist es nur ein betroffenes Aufmerken, als der Jude Jesus sie, die Samariterin, um einen Schluck Wasser bittet. Schließlich kennt sie die Tradition ihres Volkes, die so etwas nicht zu-lässt. Als aber Jesus zu ihr sagt: „Wenn du wüsstest, …wer es ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, dann hättest du ihn gebeten, und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben“ (4,10), beginnt sie zu ahnen, dass sich in diesem Jesus jemand offenbart, der neues Wasser gibt und einen neuen Brunnen, jemand, der selbst Quelle lebendigen Wassers ist. So bittet sie ihn, ihr von diesem Wasser zu geben, das nicht mehr dürsten lässt. Das aber ist ein erster Schritt weg von ihrer Herkunft und Tradition hin zu Jesus. Als der ihr schließlich sagt: „Geh, ruf dei-nen Mann“, und sie ihm bekennt: „Ich habe keinen“, bekommt das Gespräch die entscheidende Wendung: Jesus konfrontiert sie mit ihrer Vergangenheit, ihren Lebensbrüchen: „Fünf Männer hast du gehabt!“ (4,18) und damit also auch mit ihrer Sehnsucht, ihrem Hunger nach Liebe und Angenommensein, ihrer Suche nach Geborgenheit und Glück. So muss diese Frau zunächst in die Tiefe ihres eigenen Selbst, in ihre dunkle Vergangenheit hinabsteigen, um zu Heilung und Umkehr zu finden.

Wie sehr sich diese Frau durch ihre Begegnung mit Jesus verwandelt hat, zeigt eine scheinbar unbedeutende Anmerkung des Evangelisten: „Da ließ die Frau ihren Wasserkrug stehen“ (4,28). Jesus hatte in ihrem Innersten eine Quelle aufgebrochen, die ihr fortan lebenswichtig war und von der sie künden wollte.

Das Gespräch am Jakobsbrunnen stellt auch mir konkrete Fragen: Wo ist in meinem Leben der lebendige Brunnen, der mir eine neue Gottes- und Jesusbeziehung eröffnen kann? Welche Brunnenstufen in meine eigene Vergangenheit muss ich hinabsteigen, um geheilt werden zu können? Welchen Krug kann ich getrost stehenlassen, welche schein-bar handfesten Sicherheiten muss ich aufgeben, um zum wahren Quell lebendigen Wassers zu gelangen, so dass mein Durst auf immer ge-stillt wird? Ich will mich in dieser österlichen Bußzeit aufmachen, um diese Fragen für mich zu beantworten.


 

 
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