Bischofswort zum 14. Mai 2017

Was ist mit Dir los, Europa?

Von Bischof Heinz Josef Algermissen

„Wenn nicht der Herr das Haus baut, müht sich jeder umsonst, der daran baut“ (Psalm 127,1). Dieser Psalmvers, der einst die Balken von alten Fachwerkhäusern zierte, kommt mir in den Sinn, wenn ich auf Europa schaue.
Das Jahr 2017 könnte zum Schicksalsjahr für die Europäische Union werden, vermuten viele Politiker. „Was ist mit der EU los?“, so fragen viele, die wissen, dass bei einem Kollaps mehr als Ökonomie und Euro auf dem Spiel stehen, vielmehr auch das Friedenswerk der Europäischen Gemeinschaft, das mich als pax christi-Präsident besonders berührt, weil die Länder der Gemeinschaft seit über siebzig Jahren keinen Krieg gegeneinander führen: Ein Wunder nach zwei blutigen Weltkriegen im letzten Jahrhundert, durch Emotionen und Ideologien entstanden, die im Bewusstsein der Menschen zuvor vergiftend gewirkt haben. Durch Achtung vor der Würde des anderen, gemeinsame Ziele und Zusammenarbeit wird das so nicht mehr möglich sein.

Drei Generationen haben am europäischen Haus gebaut. Und es waren profilierte katholische Politiker, die nach der großen Katastrophe des Zweiten Weltkriegs das Fundament gelegt haben. Der Einsatz der Gründerväter Alcide de Gasperi, Robert Schuman und Konrad Adenauer mündete in die europäischen Einigungsprozesse, auf denen die heutige EU beruht.

„Ich denke an ein Europa ohne selbstsüchtige Nationalismen“, so lautete der leidenschaftliche Appell von Papst Johannes Paul II., als ihm 2004, ein Jahr vor seinem Tod, der außerordentliche Karlspreis für die Einheit Europas verliehen wurde. Jener Papst aus Polen war einer der großen Brückenbauer, der maßgeblich mitgewirkt hat, die Mauern zwischen Ost und West zum Einsturz zu bringen. Seine Leidenschaft galt einem solidarischen Europa, über dem das Angesicht Gottes leuchtet. Wörtlich sagte er: „Dies ist mein Traum, den ich im Herzen trage und den ich den kommenden Generationen anvertrauen möchte.“
Ernüchterung macht sich unterdessen breit. „Was ist mit Dir los, humanistisches Europa, Du Verfechterin der Menschenrechte, der Demokratie und der Freiheit?“, so ließ sich Papst Franziskus, Karlspreisträger des Jahres 2016 vernehmen (Rede zur Verleihung des Karlspreises am 6. Mai im Vatikan). Er beklagte, dass „wir Kinder dieses Traumes versucht sind, unseren Egoismen nachzugeben… und Zäune zu errichten“. Tatsächlich, woraufhin haben sich die Länder Europas entwickelt? Verschlossen und zerstritten, wo es um gemeinsame Zukunftskonzepte und entschlossenes Handeln ginge statt um nationale Egoismen. Ängstlich und kleinlich, wo doch Großherzigkeit und Menschlichkeit angesagt wären.

Es muss wohl erst ein Papst vom anderen Ende der Erde kommen, um daran zu erinnern, dass Europa endlich zu sich selbst finden muss: in der Besinnung auf das Gemeinwohl und in der Solidarität der Tat, für Dialog und Menschlichkeit in einer Zeit, in der nationalistische Thesen propagiert werden, Populismus und Pragmatismus die Wahrheitsfrage vertreiben.

„Die Hölle, das sind die anderen“, stellte einst Jean-Paul Sartre in seinem Drama „Geschlossene Gesellschaft“ fest. Wie es scheint, durchlebt die europäische Gesellschaft eben jenes Drama der verschlossenen Türen und hochgezogenen Mauern, gefangen in gegenseitigem Misstrauen und in Angst. Es bräuchte tatsächlich den Mut, Europa neu zu denken, nicht als Bedrohung, sondern als Bereicherung. Es käme darauf an, einander vorurteilsfrei zu begegnen, nicht naiv und blauäugig, aber doch mit einem Vorschuss an Wertschätzung, Sympathie und Vertrauen. Hier wären die Christinnen und Christen an vorderster Stelle gefordert, ihre universale Sicht des Menschen und der in Gott geeinten Menschheitsfamilie einzubringen.
Was wir dringend brauchen, ist eine Rückbesinnung auf die fundamentalen Werte, die sich aus dem jüdisch-christlichen Menschenbild ergeben. Hat die Politik den Mut und die Kraft dazu? Wie kann die Kirche als einheitsstiftende Institution dabei helfen?


 

 
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