Aktuelles Bischofswort - zum Sonntag, 13. August 2017

Unzufriedene Rückkehrer

Von Bischof Heinz Josef Algermissen


 Viele der Urlauber sind schon wieder da. Mit frischer Kraft stürzen sie sich in den Alltag und die Arbeit. Wirklich? Waren sie denn wirklich erholsam, die vielbeschworenen „schönsten Wochen des Jahres“?

Der Starnberger Studienkreis für Tourismus fand bereits vor gut 20 Jahren heraus, dass das Lager derer, die ihren Urlaub als ziemlich mittelmäßig erlebten, sich glatt verdoppelt hatte. Gründe werden nicht genannt. War etwa die tröpfelnde Dusche im Hotelzimmer schuld, der Baulärm von gegenüber oder die schlechte Speisekarte im Restaurant? Nein, der Verdacht ist ein anderer: Immer mehr sind einfach nicht reisefähig. Sie sind zwar reif für den Urlaub, aber nicht reif, ihn dann auch zu genießen und die Chance zu nutzen. Sie fahren mit Totalforderung und Riesenerwartung. Enttäuscht kommen sie wieder, da sie in Täuschung abgefahren sind.

Den Alltag wollen wir hinter uns lassen, den eintönigen und grauen, der das Gefühl vermittelt, eigentlich aus zweiter Hand zu leben, nicht das zu sein, was wir sein könnten. Für kurze Zeit als „König Gast“ auftreten und auch als solcher behandelt werden, das wäre was. Unser Wort „Ferien“ stammt schließlich vom lateinischen „feria“, was Feier und Fest bedeutet.

Und dann kehren wir zurück aus dem Land unserer Maximalforderungen und wenig von alledem ist Wirklichkeit geworden. Wir haben uns weder selbst verwirklicht, was immer das auch heißen mag, noch etwas Tiefes und Ursprüngliches gefunden. Nicht wenige Gesichter heimgekehrter Urlauber sprechen da in diesen Tagen Bände.

Einem anonymen Fragebogen würde man den Frust ja noch anvertrauen, aber den Freunden, der Verwandtschaft, den Kollegen? Nein, selbstverständlich war der Urlaub großartig, schließlich haben wir lange genug darauf hingelebt, gespart und geplant.

Paul Rieger, Theologe und Psychologe, Gründer des Starnberger Studienkreises für Touristik, weiß aus Erfahrung: „Das Seltsame ist, dass zerplatzte Illusionen praktisch nicht auf andere weiterwirken. Man behält sie für sich, verdeckt im eigenen Innern.“

Genug der Beschreibung! Ich frage mich, ob es wohl eine kurze Anregung gibt, die unzufriedenen Rückkehrern, die ihre Urlaubszeit überfordert haben, helfen könnte?

Ich denke an ein Relief aus Griechenland, das den Gott Kairos, den Gott des Augenblicks, darstellt als jungen Mann, der auf den Zehenspitzen läuft, Flügel an den Fersen hat, ein Messer in der ausgestreckten Hand hält und, während ihm die Haare ins Gesicht fallen, ist sein Hinterkopf kahlgeschoren. Es gibt zu diesem Götterbild ein Gespräch eines griechischen Dichters, das er mit dem Gott des Augenblicks über sein Bildnis führt. Er fragt ihn: Warum gehst du auf Zehenspitzen? Weil ich nie länger als einen Augenblick lang die Erde berühren kann. Warum trägst du Flügel an den Fersen? Weil ich schneller bin als der Wind. Warum trägst du ein Messer in der Hand? Weil ich spitzer bin als die Spitze eines Messers. Warum hängen dir deine Haare ins Gesicht? Damit jeder, der mir begegnet, mich beim Schopfe fassen kann. Und warum ist dein Schädel kahlgeschoren? Damit niemand, an dem ich vorbei bin, mich festhalten kann.

Ich wünsche Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, und mir, dass wir es lernen, jede kleine Möglichkeit, auch die des heutigen Tages, „beim Schopfe zu fassen“, nicht laufend Maximalforderungen zu stellen, dankbar zu werden für all die „kleinen“ Erfüllungen.


Vorstehender Beitrag erscheint als „Wort des Bischofs“ in der Kirchenzeitung „Bonifatiusbote“

 
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