Fastenhirtenbrief 2018

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Fastenhirtenbrief 2018

Mit Zuversicht auf Gott vertrauen

Liebe Schwestern und Brüder im Glauben!


In meinem letzten Hirtenbrief als Bischof von Fulda drängt es mich, Ihnen einige spirituelle Erfahrungen und Worte der Zuversicht auf dem Weg in die Zukunft mitzugeben. In den siebzehn Jahren meines bischöflichen Dienstes haben wir gemeinsam Zeiten der Freude und der Ängste erlebt. Zahlreiche kirchliche und gesellschaftliche Wandlungen bewegen uns, von denen wir heute noch nicht wissen, wohin sie führen.


Ein altes ökumenisches Kirchenlied nach der vertrauten Melodie Johann Sebastian Bachs beginnt einen Weg: „Sing, bet und geh auf Gottes Wegen, verricht das Deine nur getreu“ und beendet ihn: „Denn welcher seine Zuversicht auf Gott setzt, den verlässt er nicht“ (Gotteslob 424). Aber selbst auf Gottes Wegen machen wir die Erfahrung, wie verletzlich wir bleiben und oft an die Grenzen unserer Möglichkeiten stoßen. Mein bischöflicher Wahlspruch, das Bild von den „zerbrechlichen Gefäßen“, hat mich daher auf meinem Weg begleitet, aber immer in der Zuversicht, dass wir einen „Schatz“ in uns tragen, weil „das Übermaß der Kraft von Gott und nicht von uns kommt“ (2 Kor 4, 7). 


Dieser Hirtenbrief gibt mir auch Gelegenheit, meinen vielfältigen Dank auszusprechen, zuallererst an Gott, der alles gnädig gefügt hat und fügen wird. Auch den Menschen in unserem Bistum danke ich und allen, die mit ihrem Leben und Beten ein Glaubenszeugnis ablegen. Nicht zuletzt gilt mein Dank all denen, die haupt- oder ehrenamtlich ihre liturgischen, pastoralen, katechetischen, pädagogischen Dienste tun und damit mannigfaltige kirchliche Orte gestalten. Als zukünftig emeritierter Bischof verspreche ich Ihnen mein Gebet und bitte um das Ihre, da wir doch als Kirche wesentlich eine Gebetsgemeinschaft bilden.



Mit Staunen die Weltkirche erleben


Unser Bistum Fulda mit knapp 400.000 Katholiken bildet einen Teil der katholischen Weltkirche, die als ganze im Wachstum begriffen ist und heute an die 1,3 Milliarden Katholiken in aller Welt zählt. Ob als Mehrheiten wie in Lateinamerika oder als kleine Minderheiten wie in Asien verkünden sie in allen Sprachen das Evangelium Jesu Christi, feiern die Sakramente und sind diakonisch tätig. In Nord- und Südamerika leben knapp die Hälfte aller Katholiken, in Europa etwa ein Viertel mit abnehmender Tendenz, das letzte Viertel in Asien und Afrika mit zunehmender Tendenz, also dort, wo die volkreichsten Länder zu Hause sind.


In meiner Zeit als Bischof von Fulda habe ich zunehmend bemerkt, dass wir uns in Fulda, Deutschland und Europa oft auf die abnehmen-den Zahlen fokussieren und den Niedergang unserer Kirche befürchten. Doch wir dürfen nicht die Gestalten des Aufbruchs übersehen und erst recht nicht den Aufbruch der Weltkirche vor allem in Afrika und Asien. Die stark anwachsende Katholikenzahl offenbart etwas von der Suche der Völker nach Gott und seiner Gerechtigkeit. 


Mich hat die Sorge um eine missionarische Kirche immer wieder bewegt, zumal am Grab des heiligen Bonifatius, des Apostels der Deut-schen. Die „pilgernde Kirche ist ihrer Natur nach missionarisch“, sagt das Konzil und betont, dass die Mission der Kirche dazu dient, die Völker „zur Freiheit und zum Frieden Christi hinzuführen“ (Ad gentes 2 und 5). Zudem wurde mir als Präsident der katholischen Friedensbewegung pax christi deutlich, wie eng Freiheit und Frieden zur Mission der Kirche gehören. Im Glauben bin ich sicher, dass diese Aufgaben in unserem Bistum, unserem Land und in der Weltkirche Frucht bringen werden.


Denken wir an die in jüngster Zeit verstorbene Ruth Pfau (1929-2017), eine deutsche Ordensfrau, die als Lepra-Ärztin in Karachi tätig war. Aufgrund ihres Lebenszeugnisses genoss sie eine hohe Verehrung in Pakistan, einem weitgehend muslimischen Land, das sie mit einem Staatsbegräbnis ehrte. Die Katholiken dort sind eine verschwindende Minderheit von einem halben Prozent bei 200 Millionen Einwohnern. Dieses Beispiel zeigt, dass es nicht primär auf Zahlen ankommt, sondern auf das christliche Zeugnis und die Strahlkraft von Personen. Das gilt auch für die Kirche von Fulda.


Vor den Augen der Welt vollzieht sich das Staunen über die Weltkirche, der es gelingt, sich in den Völkern zu verwurzeln und in allen Sprachen das Evangelium auszubreiten. Hat doch der Auferstandene in allen vier Evangelien die Jünger beauftragt: „Geht hinaus in die ganze Welt, und verkündet das Evangelium allen Geschöpfen“ (Mk 16, 15).

Indes dürfen wir die Augen auch davor nicht verschließen, dass die Christen weltweit am meisten verfolgt werden, obwohl sie den Frie-den Christi verkünden.



Mit Freude die Gegenwart gestalten


Erweckt die Gegenwart mit all ihren Facetten Freude, die zur Gestaltung anregt, oder macht sie eher Angst wegen der Unwägbarkeiten in Kirche und Gesellschaft, Politik und Wirtschaft? Die Antwort auf diese Frage wird bestimmt sein von Hoffnung und Angst gleichermaßen. Das hält auch das große Dokument des Konzils über die Kirche in der Welt von heute fest: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen dieser Zeit, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind Freude und Hoffnung, Trauer und Angst auch der Jünger Christi“ (Gaudium et spes 1).


In Schillers Ode an die Freude, die Beethoven grandios vertont hat, heißt es: „Freude, Freude treibt die Räder / In der großen Weltenuhr!“ Doch entspricht das der Wirklichkeit? Treibt wirklich Freude die Räder im Weltgeschehen? Wir sehen doch, was die Uhr geschlagen hat, als im 20. Jahrhundert zwei Weltkriege tobten, Ideologien von Klasse und Rasse rasten und Genozide Völker hinmordeten. Nein, von Freude angesichts dieser Schreckensgeschichte keine Spur. Und das 21. Jahrhundert beginnt mit den Anschlägen des 11. September 2001 auf Amerika. Und in Europa setzen sich die islamistischen Anschläge fort bis in die Gegenwart. Soll etwa der Terror zur Signatur unserer Epoche werden? In dieser neuen Weltlage grassiert die Angst vor dem, was die Zukunft noch alles bringen mag. Wie gehen wir damit um?


Sollen wir gegen alle Fakten die Freude proklamieren oder über die Kirche klagen, was den Rückgang der Katholiken, der geistlichen Be-rufe, der Finanzen, ja sogar des Glaubens angeht?


Die Freude gehört jedenfalls wesentlich zum Christsein. Denken wir an die Freuden, die das Leben bereithalten kann: Ein gutes Essen mit Freunden, das Farbenspiel eines Herbstwaldes, die Freude von Mann und Frau aneinander, die Freude an Leistung und Erholung. Doch neben der sinnenhaften gehört auch die geistige und spirituelle Freude dazu: Die Freude beim Beten oder in der Eucharistiefeier, auch die innere Freude, wenn in der Beichte die Vergebung der Sünden zuteil wird. Die Freude, andere zu beschenken oder einfach Gutes zu tun.


Viele der kleinen und großen Freuden, die das Leben trotz aller Bedrohungen und Ängste bereithält, werden uns geschenkt. In ihnen leuchtet etwas von der Freude auf, welche alle diejenigen kennen, die unerschütterlich in Gott ihren Halt finden.

Wer die Psalmen betet, stößt vielfach auf die Freude des Beters an Gott: „Du zeigst mir den Pfad zum Leben, vor deinem Angesicht ist Freude in Fülle” (Ps 16, 11). Und vom hl. Paulus stammt ein Wort, das ich Ihnen mit auf den Weg geben möchte; es gilt uns allen: „Wir wollen ja nicht Herren über euren Glauben sein, sondern wir sind Helfer zu eurer Freude; denn im Glauben seid ihr fest verwurzelt“ (2 Kor 1, 24).



Mit Zuversicht in die Zukunft schauen


Um mit begründeter Zuversicht in die Zukunft zu schauen, schlage ich Ihnen, liebe Schwestern und Brüder im Glauben, sieben Punkte vor, die in unserer Zeit besonders hilfreich sein können. Die Zahl sieben prägt unseren katholischen Kosmos, wenn wir nur an die sieben Sakramente denken: Taufe, Firmung, Eucharistie, Krankensalbung und Beichte, Ehe und Priesterweihe. Oder an die sieben Kardinaltugenden: Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit, Mäßigkeit und Glaube, Hoffnung und Liebe.


1. Liebe Christi

Christliche Zuversicht ergibt sich aus der Gewissheit des Glaubens, die Paulus in seinem Römerbrief folgendermaßen auf den Punkt bringt: „Was kann uns scheiden von der Liebe Christi? Bedrängnis oder Not oder Verfolgung, Hunger oder Kälte, Gefahr oder Schwert?“ So führt Paulus die irdischen Nöte und Risiken auf, um dann zu beteuern, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges können „uns scheiden von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn“ (Röm 8, 35.38f). Welch größere Zuversicht aus dem Glauben könnte uns geschenkt werden? Es kommt darauf an, in allen Lebenslagen auf die Liebe Gottes zu vertrauen. Mitunter trotz allem, will ich hinzufügen.


2. Barmherzige Kirche

Zur Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils hat der hl. Papst Johannes XXIII. eine wichtige Einsicht der Kirche benannt: „Heutzutage zieht es die Braut Christi vor, eher das Heilmittel der Barmherzigkeit zu gebrauchen als die Waffen der Strenge.“ Als Grund fügt er im Stil der Zeit hinzu: „So erhebt die katholische Kirche mit diesem Ökumenischen Konzil die Fackel des Glaubens. So will sie sich als eine für alle liebevolle, gütige und geduldige Mutter erweisen, voll Barmherzigkeit und Wohlwollen gerade jenen Kindern gegenüber, die sich von ihr entfernt haben.“ An diese konziliare Linie knüpft auf vielfache Weise auch Papst Franziskus an, wenn er etwa, im Blick auf die österliche Bußzeit, daran erinnert, „dass der Beichtstuhl keine Folterkammer sein darf, sondern ein Ort der Barmherzigkeit des Herrn, die uns anregt, das mögliche Gute zu tun“ (Evangelii gaudium 44).


3. Mitverantwortliche Laien

Als Getaufte und Gefirmte sind alle Laienchristen im Maß ihrer Möglichkeiten berufen, in Kirche und Welt mitzuwirken und Verantwortung zu übernehmen. Seit dem Konzil hat sich Wesentliches getan. Das können wir ablesen am eindrucksvollen Zeugnis der vielen ehrenamtlich Tätigen in den Pfarrgemeinden unseres Bistums, die mit Zuversicht die von mir zu Pfingsten letzten Jahres in Kraft gesetzten „Strategischen Ziele zur Ausrichtung der Pastoral“ um-setzen. Von Herzen danke ich ihnen allen für ihren selbstlosen Einsatz in Kirche und Gesellschaft.


4. Spirituelle Erfahrungen

Unsere Zeit zeichnet sich dadurch aus, dass viele Zeitgenossinnen und -genossen auf der spirituellen Suche sind, ob in der eigenen religiösen Tradition oder in fremdreligiösen, vor allem fernöstlichen Traditionen. Hier stehen wir Katholiken vor einer großen Herausforderung: Wie können wir die vielfach vorhandenen spirituellen Schätze unseres Glaubens heben und so zur Sprache bringen, dass sie einleuchten – uns selbst und Kirchenfernen? Ich denke an die Lektüre der Heiligen Schrift, an das gemeinsame und einsame Gebet, an die Formen der Meditation und der Exerzitien, an die unter Jugendlichen beliebten Formen der Anbetung (nightfever).


5. Diakonische Entdeckungen

Dass Gottes- und Nächstenliebe zusammengehören wie die beiden Seiten einer Münze, wissen wir alle. Darin spiegeln sich auch die sieben Werke der Barmherzigkeit (vgl. Mt 25, 31-46). An der Caritas, der Liebe zum Nächsten, hat sich die Kirche immer wieder erneuert, wie das Beispiel des Franziskus von Assisi zeigt, oder heute die „vorrangige Option für die Armen“. Diese wurzelt in der Vorliebe Gottes für die Armen, wie Papst Franziskus in seinem Schreiben über die „Freude des Evangeliums“ mit der Tradition der Kirche festhält (Evangelii gaudium 198). Dass diese große Tradition nicht abreißen möge und in unserem Bistum gestärkt werde, ist meine Bitte für die Zukunft.


6. Familiale Leuchttürme

Ehe und Familie gehören zu den großen Menschheitsfragen der Zeit. Daher kommt der Kirche die Rolle zu, voranzugehen wie Papst Franziskus in seinem Apostolischen Schreiben über die „Liebe in der Familie“ (Amoris laetitia). Damit stärkt er die ehebegründete Familie von Mann und Frau mit Kindern. Jedoch bedenkt er auch die Zerbrechlichkeit von Ehe und Familie, die daher der pastoralen Begleitung, der Unterscheidung der Geister sowie der Logik der pastoralen Barmherzigkeit bedarf. Mögen auch in Zukunft die katholischen Familien in einer orientierungsschwachen Zeit Leucht-feuer für familienfreundliche Milieus in unserer Gesellschaft sein.


7. Junge Kirchenträume

Mein letzter Punkt gilt den jungen Leuten, die ja die nähere Zukunft hautnah erleben und gestalten werden. Sie sind als Kinder ihrer Zeit fähig, ihren Eltern die digitale Welt zu erklären. Sie wissen, dass man die Bibel auf das Handy runterladen und lesen kann. Aber sie erfahren auch, dass zu einem sinnvollen Leben mehr gehört, zum Beispiel die menschliche Nähe, die Gemeinschaft und die Sorge füreinander.


Umfragen lassen erkennen, dass junge Menschen durchaus die Kirche schätzen und sich einbringen wollen, aber zu wenig Antworten auf ihre Fragen bekommen. Nicht selten erfahren sie das Christen-tum als Neuheitserlebnis. Indes dürfen wir auch heute auf die prophetische Kraft vertrauen, wie Petrus in seiner Pfingstpredigt: „So spricht Gott: Ich werde von meinem Geist ausgießen über alles Fleisch. Eure Söhne und Töchter werden Propheten sein, und eure jungen Männer werden Visionen haben“ (Apg 2, 17). Dass unsere Jugendlichen und jungen Erwachsenen einen Platz in der Kirche finden, ist eine meiner großen Sorgen und gleichzeitig meine Hoffnung.



Im festen Vertrauen, dass Gott uns auf dem Weg in die Zukunft führen wird, segne Sie und Ihre Familien auf die Fürsprache der Gottesmutter Maria und des heiligen Bonifatius: der +Vater und der +Sohn und der +Heilige Geist. 

Ihr

 

+Heinz Josef Algermissen

 

Bischof von Fulda


Fulda, Aschermittwoch 2018


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