Aktuelles Bischofswort - zum 19. Februar 2017

Gib der Seele einen Sonntag

Von Bischof Heinz Josef Algermissen

„Gib der Seele einen Sonntag und dem Sonntag eine Seele, damit der Herrentag zum Herrn der Tage werde.“ Mit diesem Wortspiel soll etwas Wesentliches festgehalten werden: Der Mensch braucht den Sonntag für sein Menschsein. Dementsprechend muss er ihn auch gestalten. Tut er es, erfüllt er sich selbst und realisiert damit seine höchste Berufung, die Gottesverehrung.

Der christliche Sonntag hat seinen jüdischen Vorläufer im Sabbat, der seinerseits das Ergebnis einer geistig-religiösen Revolution darstellt. Denn einen regelmäßig wiederkehrenden Ruhetag, wie die jüdische Sabbatfeier, gab es damals in der Umwelt Israels nicht. Man unterließ zwar im Zweistromland, in Babylon, am 7., 14., 21. und 28. Tag bestimmte Unternehmungen und Arbeiten. Aber dies geschah nicht aus Gründen der Gottesverehrung. Die Tage der Mondphase galten als Unglückstage, an denen man jede Aktivität aus Scheu vermied.

Israel übernimmt den Rhythmus der sieben Tage nicht als düstere Trauertage, sondern gibt ihnen eine neue Dimension. In einer Welt, wo Humanität noch ein Fremdwort war, erhält der Sabbat den eindeutigen Charakter eines Ruhetages. „Gedenke des Sabbats: Halte ihn heilig! Sechs Tage darfst du schaffen… Der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott, geweiht“, so mahnt das Buch Exodus (Ex 20,8f). Später trat zu dieser Begründung noch etwas hinzu. Der arbeitsfreie Ruhetag wurde nicht allein zum Tag der physischen Rast, die Sabbatfeier band das Volk Israel eng mit Gott zusammen und ließ es im Glauben überleben, selbst als es in der Verbannung ohne Tempel und Synagoge seinen Sabbat feiern musste.

Die christliche Gemeinde, die sich im Laufe des ersten Jahrhunderts nach Christus mehr und mehr vom Judentum entfernte, leitete eine weitere erstaunliche Entwicklung ein. Der jüdische Sabbat verlor seine zentrale Bedeutung und wurde abgelöst vom „ersten Tag der Woche“. Tiefster Anlass zu dieser Terminverschiebung war das, was die ersten Zeugen erfahren haben, als sie „am ersten Tag der Woche in aller Frühe zum Grab kamen, als eben die Sonne aufging“ (vgl. Markus-Evangelium Kapitel 16, Vers 2). Die Begegnung mit dem auferstandenen Herrn war der Durchbruch. Durch dieses zentrale Geheimnis des christlichen Glaubens ist der Menschheit ein neues Lebenswissen, eine neue Hoffnung geschenkt. Der auferstandene Christus war die Mitte der neuen Erfahrung. Und deshalb nannten die Christen nun den Tag „Herrentag“ und das, was sie feierten, „Herrenmahl“.

Heutzutage klagen Vielbeschäftigte aller Berufe, dass sie vor lauter Stress nicht mehr zu sich selbst finden, atemlos werden in Dauerbetriebsamkeit. Die Freizeitindustrie, die den Menschen auch noch das Denken für die Muße abnimmt, schafft offensichtlich keine wirklichen Freiräume, sondern bringt nur neue Zwänge. Der Mensch erholt sich allerdings nicht einfach durch Ausschlafen und Nichtstun. Erholung muss tiefere Wurzeln haben und den Menschen mit seinem Fundament und Halt verbinden, mit dem sonntäglich gefeierten Tod und der Auferstehung Jesu Christi: „Deinen Tod, o Herr, verkünden wir und deine Auferstehung feiern wir, bis du kommst in Herrlichkeit.“ Gerade unter diesem Gesichtspunkt ist ein gut gestalteter und innerlich mitgefeierter Gottesdienst keineswegs Einschränkung und Verkürzung der Freizeit, sondern eine große Chance für den Menschen.

Nicht Gott gewinnt durch unseren Gottesdienst, eigentlicher Gewinner ist der Mensch. Da gewinnen wir Abstand von den Problemen, die uns oft niederwalzen. Wir werden mit fundamentalen Fragen und Maßstäben konfrontiert, indem wir uns dem Wort Gottes stellen, erfahren Bindung an eine Wahrheit, die uns nicht einengt, sondern befreit.

Die dramatische Verringerung der Teilnahme an der Sonntagsmesse in unseren Gemeinden seit Jahren trifft indes die Kirche in ihrem Kern viel mehr, als viele bisher vermutet haben. Denn die Teilnahme an der sonntäglichen Feier der Eucharistie ist ein feiner Gradmesser auch für die sonstige Teilnahme am kirchlichen Leben.
Ein Christ, eine Christin, die zu ihrem Glauben stehen, ihn offen und öffentlich leben, gehören mittlerweile zu einer Minderheit in dieser Gesellschaft – auch in Fulda. Da ist Bekennermut gefragt, öffentlich, als Glaube, nicht als Folklore. Das überzeugende Bekenntnis aber ist und bleibt die Teilhabe an der sonntäglichen gottesdienstlichen Feier der Gemeinschaft mit Christus in Wort und Sakrament.
Liebe Leserinnen und Leser, setzen Sie ein Zeichen, beginnen Sie damit an diesem Sonntag!.


Vorstehender Beitrag erscheint als „Wort des Bischofs“ in der Kirchenzeitung „Bonifatiusbote“

 
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