Aktuelles Bischofswort - zum Sonntag, 20. August 2017

Faden und Licht

Von Bischof Heinz Josef Algermissen

Im alten Griechenland baute sich einst der König Minos ein großes Schloss. Es war nur durch lange, höhlenartige Irrgänge, durch ein Labyrinth zu erreichen. Wer diese Gänge betrat, verirrte sich unweigerlich und wurde von Minotaurus, einem Ungeheuer mit Stierkopf und Menschenleib, verschlungen. Eines Tages kam Theseus, ein junger Königssohn. Er wagte sich in das Labyrinth, tötete das Ungeheuer und fand zum Ausgang, zur Freiheit zurück. Ariadne, die Tochter des Minos, hatte ihm nämlich einen Faden und ein Licht mitgegeben: einen Faden, damit er an ihm entlang den Weg aus dem Labyrinth zurückfinde; ein Licht, um das Dunkel der Irrgänge zu erhellen.

So erzählt einer der schönen alten Mythen, die je aufgeschlüsselt werden müssen. Ich versuche es dadurch, dass ich zu übertragen versuche. Das Labyrinth könnte bedeuten: Zukunft mit all den Risiken und dem Mangel an Perspektive. Und das Ungeheuer würde Namen tragen wie Leid, Unglück, Scheitern, Angst, Verzweiflung. Und schon ist aus dem Mythos aus einer fernen Vergangenheit eine Geschichte über unsere Gegenwart geworden. Wie viele Menschen stehen vor ihrer Zukunft wie vor einem Irrgarten, richtungs- und mutlos. Wenn man wenigstens einen Leitfaden hätte, um sich zurechtzufinden, ein Licht, das Dunkel ein wenig zu erhellen.

Liebe Leserinnen und Leser, kennen Sie Jeremia? Vielleicht von jenem Bild des Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle in Rom. Dort sitzt er, den markanten Kopf mit dem wallenden Bart in die Hand gestützt, den Blick nach unten gerichtet. Eine der gewaltigen Gestalten der Klage und Traurigkeit. Jeremia hatte in einer dunklen Stunde der Geschichte Israels, in einer Zeit voller Bedrängnisse und Katastrophen, seine Sendung zu erfüllen: Jerusalem wurde 587 vor Christus erobert, seine Bewohner zum Teil deportiert, der Tempel eingeäschert. In dieser Notlage predigt er, mahnt, stellt Forderungen im Namen Gottes. Billige Vertröstungen liegen ihm nicht. So schreibt er auch einen Brief an die Verbannten in Babylon, ermahnt sie, in der Resignation nicht aufzugeben. Nein, eine spektakuläre Befreiung und schnelle Rückkehr nach Hause seien nicht zu erwarten. Aber wenn sie in nüchterner Treue ausharrten bei Gott, würden sie den Rückweg finden. Denn der Herr vergisst sein Volk nicht, er denkt nicht Gedanken des Unheils, sondern des Heils. Und dann gibt er eine wunderbare Zusage Gottes: „Wenn ihr mich ruft, wenn ihr kommt und zu mir betet, so erhöre ich euch. Sucht ihr mich, so findet ihr mich… Denn ich will euch eine Zukunft und eine Hoffnung geben“ (Jeremia 29,11-13).

Diese Worte treffen auch heute. Das wünschen wir uns doch: Zukunft und Hoffnung. Aber nicht aufgrund unserer eigenen Leistungen, Pläne und Ideologien, sondern durch den, der es endgültig in Jesus Christus gesagt hat, dass er ein rettendes Ja zum Menschen und zur Welt spricht.

Das allein kann uns sicher machen vor den Fragen, die uns alle so sehr betreffen und umtreiben. „Ich will euch eine Zukunft und eine Hoffnung geben“: Wenn das nicht stimmt, gibt es im Labyrinth meines Lebens keinen Faden, kein Licht. Stimmt es aber, ist alles gut, gibt es einen Aus-Weg.


Vorstehender Beitrag erscheint als „Wort des Bischofs“ in der Kirchenzeitung „Bonifatiusbote“

 
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