Aktuelles Bischofswort - zum Sonntag, 3. September 2017

Steh auf und iss!

Von Bischof Heinz Josef Algermissen

„Die Wüste gehört dazu… Wer sie bestehen musste und muss, wird mit Ehrfurcht von ihr sprechen und mit der leisen Verhaltenheit, mit der der Mensch sich seiner Wunden und Schwächen schämt. Sie ist der große Raum der Besinnung, der Erkenntnis, der neuen Einsichten und Entscheidungen. Sie ist die schwere Last, die dem Schiff den Tiefgang und die Festigkeit sichert… Und sie ist der stille Winkel unserer Tränen und Notrufe und Erbärmlichkeiten und Ängste. Aber sie gehört dazu.“ Das schrieb der Jesuit Alfred Delp am 6. Januar 1945 in einer Gefängniszelle, wenige Tage vor seiner Hinrichtung durch die Nazis.

Sie gehört dazu und ist uns allen wohl bekannt, die Wüste: Durststrecken des Lebens, Erfahrungen der Müdigkeit, der Leere und Einsamkeit. Die inneren Reserven sind erschöpft, die Versuchung ist da, alles aufzugeben: „Es ist genug, ich kann nicht mehr!“

So begegnen wir in der Heiligen Schrift Elija, neben Mose der größten Gestalt im Alten Bund. Wir erfahren im ersten Buch der Könige, Kapitel 18 und 19, dass er „eine Tagesreise weit“ in die Wüste hineingeht. Erschöpft setzt er sich und wünscht sich den Tod. Der spärliche Schatten eines Ginsterbusches ist, wie er meint, die „letzte Station“.

Was war vorausgegangen? In Israel nahm der Götzendienst, begünstigt von König Ahab und seiner heidnischen Frau, immer mehr zu. Der Prophet Elija kämpft beharrlich für die Treue zum Bundesgott. Schließlich bringt er es zu einem Gottesurteil am Berge Karmel. Vor versammeltem Volk und in Gegenwart des Königs unterliegen die Priester des Baal und verfallen der Todesstrafe. Gott beendet daraufhin die siebenjährige Dürre und Hungersnot durch einen starken Regen. Der wahre Gottesglaube scheint gesichert, der Götzendienst besiegt. Elija darf sich sonnen im Glanz seines triumphalen Erfolgs. Aber ganz bald ändert sich die Situation: Der König kann sich gegenüber seiner Frau Isebel, die vor Wut über die Vernichtung ihrer Priesterschaft kocht, nicht durchsetzen. Elija erhält eine Drohbotschaft. Ängstlich und hastig räumt er das Feld vor der brutalen Staatsgewalt, taucht in der Wüste unter. Da nun treffen wir ihn unter dem Ginsterstrauch, lebensmüde, verzweifelt.

In diesem Augenblick, wo er nicht mehr daran denkt, sein Leben zu retten, beginnt etwas Neues: Er, der engagierte Streiter für Gott, verzichtet auf eigene Aktionen, ist bereit, sein Leben hinzugeben. Und in eben dieser Hingabebereitschaft rührt ihn etwas „ganz Anderes“ an: Ein Bote von Gott rüttelt ihn: „Steh auf und iss!“ (1 Könige 19,5). Er isst, aber ohne das Zeichen zu verstehen, denn er überlässt sich von Neuem dem Schlaf, dem „Bruder des Todes“. Es bedarf eines zweiten Anstoßes, einer zweiten Botschaft des Engels. Nun endlich versteht er: Gott wartet auf ihn am Berg Horeb. Dort bekommt er einen neuen Auftrag, eine neue Perspektive.

„Steh auf und iss! Sonst ist der Weg zu weit für dich“ (1 Könige 19,7): Diese Aufforderung ergeht an jeden von uns, der – mit dem Wort Alfred Delps – den stillen Winkel seiner Tränen und Notrufe bestehen muss, aber kaum mehr kann.
Die Feier der heiligen Messe am Sonntag ist für katholische Christen Ausdruck der gläubigen Gewissheit, dass uns dieses „Steh auf und iss!“ in der Kommunion unüberbietbar gesagt wird. Jesus Christus, in der unscheinbaren Gestalt von Brot selbst gegenwärtig, ist Mittel zum Leben, Lebensbrot, Wegzehrung. Mit ihm können wir immer wieder aufstehen, können unseren Weg schaffen, sei er auch noch so schwer.


Vorstehender Beitrag erscheint als „Wort des Bischofs“ in der Kirchenzeitung „Bonifatiusbote“

 

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