Aktuelles Bischofswort zum 25. März 2018

Wir mitten drin

Von Bischof Heinz Josef Algermissen

Vom Palmsonntag bis zum Karfreitag werden wir konfrontiert mit den Passionsberichten der Evangelisten. Das ist jedes Jahr so, daran haben wir uns gewöhnt. Gewöhnung aber lässt abstumpfen und vergessen, dass wir selbst in diesen Berichten gegenwärtig sind.

Da wird nicht bloß eine Geschichte aus längst vergangenen Tagen erzählt, sondern unsere eigene und die unserer Zeit mit ihren vielen Kreuzen und ihrer Gleichgültigkeit, mit der die Kreuze anderer hingenommen werden. Es ist erschreckend, wenn wir die Parallelen zwischen der Passionsgeschichte Jesu und den Passionsgeschichten unserer Tage entdecken.

Da sind die Jünger, unmittelbar nach dem Abendmahl. Erst schlafen sie, dann fliehen sie. Die Frage ist angebracht: Sind wir selbst nicht solche, die schlafen, die mit dem Rücken zum Leid anderer leben? Mitschwimmen mit den anderen, mit sich selbst beschäftigt.

Da ist Petrus, immer mit dem Mund vorweg, oft ungefragt redend: „Und wenn ich mit dir sterben müsste, ich werde dich nie verleugnen“ (Markus 14, 31). Oder: „Herr, ich bin bereit, mit dir sogar ins Gefängnis und in den Tod zu gehen“ (Lukas 22, 33). Er nimmt den Mund ziemlich voll. Indes kurze Zeit später verleugnet er seinen Freund: Ich kenne den nicht!“ (Lukas 22, 57). Die Frage an uns: Wo und wann sind wir feige, wollen uns nicht lächerlich machen? Oder begeben wir uns erst gar nicht in solche Situationen, in denen es ernst werden kann mit unserem Bekenntnis zu Jesus?

Da ist Judas. Aus Enttäuschung oder Geldgier verrät er Jesus. Tausendfach wiederholt sich das. Einer verrät seinen Freund um des Geldes oder der eigenen Stellung wegen. Unsere Wirtschaftsordnung tut dies ohne Bedenken. Sie bietet uns die erwünschten billigen Waren an, gleich wer dafür mit seinem Leben bluten musste.

Da sind die Hohenpriester. Sie opfern für ihre Gesetze, ihre Ideologie diesen Jesus, weil er sie stört. So wachen die Mächtigen aller Zeiten über die Ordnung, die ihnen Macht über Menschen gibt.

Da ist Pilatus. Er durchschaut das Intrigenspiel und weiß, dass Jesus unschuldig ist. Aber er will keine Scherereien. So wäscht er seine Hände in Unschuld und wird zum Symbol aller, die meinen, sich unschuldig aus dem Getriebe der Welt heraushalten zu können, ohne Farbe zu bekennen. Die Opportunisten der Macht: Wo gibt es sie heute nicht? Das gilt nicht nur für die Großen, sondern auch für uns selbst, dort, wo wir Macht haben über andere.

Die Soldaten sind die kaltschnäuzigen Folterer: Sie treiben ihren Spott mit Jesus. Es ist schrecklich, dass sich Menschen hergeben für die Folterung anderer, dass es Regierungen gibt, die das nicht nur dulden, sondern selber anordnen.

Da ist das Volk. Es ruft „Hosanna“, wie wir es am Palmsonntag hören werden, und dann bald „Kreuzige ihn!“. Es ist leicht, durch Propaganda Menschen aufzuwiegeln. Aber dafür ist immer eine grundsätzliche innere Bereitschaft Voraussetzung. Wie oft stehen wir erschüttert vor den aggressiven Ausbrüchen um uns herum – und vergessen, dass die Keime der Gewalt in unser aller Leben eingepflanzt sind.

Da sind die Zuschauer auf den Straßen. „Nichts zu machen“, diese Haltung ist uns gut bekannt. Unsere Zuschauertribüne ist das Fernsehen oder Internet, die uns mit der Zeit abstumpfen lassen.

Und da ist schließlich Jesus selbst. In ihm ist alles Leid der Menschen versammelt. Er bleibt sich und seinem Vater treu, lässt sich nicht beirren, stirbt fragend und klagend: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ In diesem Schrei am Kreuz ist alles Fragen nach dem „Warum?“ aufgenommen.

So sind vor 73 Jahren der Jesuitenpater Alfred Delp und der evangelische Pastor Dietrich Bonhoeffer ihre Wege gegangen bis zum gewaltsamen Tod durch die Nazis. Seit dem Kreuz des Karfreitags wissen wir um die Macht der Ohnmächtigen, vor der die scheinbar Mächtigen so große Angst haben, weil sie deren missbrauchte Macht und Gewalt der Lächerlichkeit preisgeben.

Die Leidensgeschichte Jesu ist durchaus auch ein Bild unserer Zeit. Wir alle sind vielfach hineinverwickelt. Es ist gut, das ehrlich zu erkennen. Solche Erkenntnis kann uns – hoffentlich – zu Besinnung und Umkehr bringen. Nur dann, da bin ich überzeugt, können wir nach dem Karfreitag auch wirklich Ostern feiern.


Vorstehender Beitrag erscheint als „Wort des Bischofs“ in der Kirchenzeitung „Bonifatiusbote“

 

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